Gedanken und Kleider

  • Zeit zum Ausmisten – was Kleider und Gedanken gemeinsam haben

Es gibt Tage, die fangen schon nicht besonders gut an. Sehr früh am Morgen klingelte mein Wecker an diesem trüben Novembertag und riss mich mitten aus meinem Traum heraus. Ich brauchte einen Moment, um zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Nach einiger Zeit wich meine Orientierungslosigkeit der Erkenntnis, dass es Zeit war aufzustehen, sonst würde es knapp werden, um rechtzeitig im Büro zu sein. Diese Feststellung wurde nicht verlockender, als ich meinen Blick zum Fenster richtete. Es regnete in Strömen. Ein Umstand, den ich nicht ändern konnte, ganz egal, ob mir das nun gefiel oder nicht. Den Regen störten meine negativen Gedanken ganz gewiss nicht.

Ich stieg aus dem Bett, wickelte mich in meinen Bademantel und machte mir einen Kaffee. 45 Minuten später trat ich vor die Haustür und versuchte mich so gut wie möglich vor dem Regen und der Kälte zu schützen. Um mich ein wenig abzulenken hörte ich auf dem Weg zur Arbeit eine Podcast Folge meiner Lieblings-Mentorin. Darin ging es um negative Gedanken, und wie man ihnen Einhalt gebieten kann, um sich nicht den ganzen Tag zu versauen. Passender hätte die Folge nicht sein können und so hörte ich genau hin.

Negative Gedanken

Trübe Gedanken bringen uns nicht weiter. Sie ziehen uns eher nur tiefer in irgendein Problem hinein und rauben uns vor allem wertvolle Energie und Zeit.

10 Minuten Fußweg und 5 Minuten Wartezeit später saß ich in der Bahn und lauschte der Folge gespannt weiter. Es war interessant zu hören, dass wir uns unserer negativen Gedanken oft nicht bewusst sind. Sie haben die Tendenz sich zu verselbstständigen und laufen nonstop in unserem Hintergrund. Allzu oft lassen wir uns von äußeren Umständen beeinflussen und reagieren einfach nur darauf. Dabei sind wir unseren Gedanken nicht einfach hilflos ausgeliefert. Denn wir selbst bestimmen, was wir denken und was nicht. Nur ist uns das oft nicht bewusst, denn meistens schwimmen wir in unserem eigenen Gedankenmeer ziellos umher und lassen uns von den Wellen hin und her treiben.

Du bestimmst, was du denkst

Während ich den Worten weiter zuhörte, kam mir plötzlich der Gedanke, unsere Gedanken mit unseren Kleidern zu vergleichen. Stell dir vor, deine Gedanken wären wie Kleider. Jeden Morgen suchst du dir aus, was du anziehen möchtest. Und jeden Morgen suchst du dir deine Gedanken für den Tag aus. Kleidung schützt uns vor unangenehmen Umweltbedingungen, wie Regen, Kälte, Wind und Nässe. Wir möchten uns in ihnen wohl und sicher fühlen. Zudem lieben es die meisten von uns, mit Kleider-Kombinationen zu spielen, drückt Kleidung doch auch immer einen Teil unserer Persönlichkeit aus. Enge, kratzige, unbequeme oder in unseren Augen unangemessene Kleidung dagegen lassen wir links liegen. Genauso könnten wir es doch auch mit unseren Gedanken machen.

Stopp

Sobald wir bemerken, dass wir gerade dabei sind, uns in unseren negativen Gedanken zu verlieren, weil schon wieder Stau ist, die Bahn ausfällt, der Kollege nervt, es zu kalt, zu heiß oder schon wieder Montag ist, können wir diesen Strudel ganz bewusst anhalten. Ich z. B. sage innerlich laut Stopp, um den Kreislauf erstmal zu durchbrechen.

Sobald wir das geschafft haben können wir prüfen, ob uns diese Gedanken weiter bringen, die wir gerade denken oder ob sie uns nur hinunter ziehen. Negative Gedanken lassen uns selten fröhlich sein. Es ist unmöglich negativ zu denken und sich gleichzeitig glücklich zu fühlen. Wenn wir uns genauer anschauen, über was wir uns da gerade so aufregen, stellen wir oft fest, dass es meist gar nicht so dramatisch ist und unser weiteres Leben nicht wirklich nachhaltig beeinflussen wird.

Mehr Verständnis für die Welt

Stattdessen könnten wir versuchen, das Positive an einer vermeintlich unangenehmen Situation zu sehen oder zumindest etwas Verständnis dafür aufzubringen. Vielleicht hat die Oma vor uns an der Kasse Schmerzen in den Gelenken ihrer Hände und holt deshalb jeden Cent einzeln aus ihrem Portemonnaie heraus. Vielleicht hat es einen Unfall mit verletzten Personen vor uns auf der Straße geben, weshalb alle Autos stehen. Wir können froh sein, dass es uns nicht erwischt hat und wir am Abend gesund wieder zu unseren Familien zurück können. Was sind da schon 10 oder 20 Minuten Wartezeit. Und vielleicht nervt der Kollege im Job deshalb so, weil er eventuell keine Freunde hat, so wie wir, denen wir unser Herz ausschütten können.

So können wir unsere negativen Gedanken in eine positive Richtung lenken und nicht nur uns damit einen großen Gefallen tun, sondern unserer Umwelt gleich mit. Mit etwas Rücksicht und Einfühlungsvermögen kommen wir viel weiter, als uns ewig im Kreis der negativen Gedanken um die eigene Achse zu drehen.

Probiere es aus

Die Idee, sich schon am Morgen für positive Gedanken für den Tag zu entscheiden, kann sehr hilfreich sein. Ein Versuch ist es auf jeden Fall wert, denn denken tun wir sowieso den ganzen Tag, ob wir es wollen oder nicht. Und den Anteil der positiven Gedanken zu erhöhen wird uns ganz sicher nicht schaden, ganz im Gegenteil. Je mehr positive Gedanken von jedem Einzelnen in die Welt hinaus getragen werden, desto besser fühlt sich jeder von uns und umso schöner können wir diese Welt wahrnehmen, gestalten und in ihr leben.

Alles, was wir hinaus senden, kommt zu uns zurück.

Von Kindern können wir hier viel lernen. Sie tun nur das worauf sie Lust haben. Was sie nicht mögen tun sie einfach nicht. Für sie macht es keinen Sinn, etwas zu machen (oder zu denken), was sich nicht wollen. Selbst wenn es mal Streit untereinander gibt, ist der meist schnell geklärt und vergessen. Nachtragend zu sein ist für sie Zeitverschwendung. In unserer Erwachsenenwelt ist die Realität natürlich nicht ganz so einfach, jedoch könnten wir uns ab und zu daran orientieren, um es uns selber ein bisschen leichter zu machen.

Es regnete immer noch, als ich aus der Bahn steige. Doch sah ich diesen Umstand jetzt mit anderen Augen. Wie gut, dass es endlich regnete nach so vielen regenlosen Monaten, dachte ich. Die Erde war ausgedörrt durch den Jahrhundertsommer 2018 und brauchte jeden Tropfen. Zudem hat mir mein Mann seinen Regenschirm überlassen, damit ich nicht nass werde, denn er weiß wie gern ich die halbe Stunde am Morgen durch die Stadt zur Arbeit laufe. Und so bin ich glücklich unter meinem Schirm, eingepackt in meinen Mantel, trockenen Fußes zur Arbeit gegangen und habe mir meine Gedanken für den Tag ausgesucht.

„Die Sprache ist die Kleidung der Gedanken“.

Samuel Jonso

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