Schrei doch mal

  • Was wir von Kindern lernen können und warum es so wichtig, sich selbst und seine Bedürfnisse, Gedanken und Gefühle nicht zu vergessen oder zu verdrängen.

Ein wunderschönes Wochenende ist gerade vergangen. Die letzten beiden Tage hatte ich mit Herzensmenschen verbringen dürfen. Samstagabend waren wir bei sehr guten Freunden. Vor einigen Jahren haben wir unsere gemeinsame Leidenschaft fürs Kochen entdeckt. Seitdem kochen wir regelmäßig zusammen, was immer eine sehr amüsante und bis tief in die Nacht gehende lustige Angelegenheit ist.

Nach einer kurzen Nacht traf ich mich am Sonntag mit einer Freundin zum Frühstück, welche ich schon länger nicht mehr gesehen hatte. Wir hatten viel zu erzählen und haben über Gott und die Welt geredet. Bis in den Nachmittag hinein sind wir durch das kalte, aber sonnige Berlin spaziert und haben dabei unterwegs einige Stopps in verschiedenen Cafés gemacht. Das eine oder andere Stück Torte wanderte dabei wie von selbst in uns hinein. Den Abend habe ich mit meinem Schatz kuschelig auf der Couch verbracht.

Gefühlt gehen solch schönen und entspannten Tage immer viel schneller vorbei als der Rest der Woche. Kaum hat man sich auch nur ein bisschen daran gewöhnt, ist so ein Wochenende auch schon wieder vorbei.

Mit meinen Gedanken noch im vergangenen Wochenende schwelgend fand ich mich an einem Dienstagmorgen in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit wieder. Neben mir stand mein Mann, der in die gleiche Richtung muss wie ich. Ich freue mich immer, wenn wir zusammen fahren können. Dann können wir morgens noch ein bisschen eng aneinander gelehnt kuscheln, wenn wir das große Glück haben zwei Sitzplätze nebeneinander zu bekommen.

Der ganz normale Wahnsinn beginnt

Soviel Glück hatten wir an diesem Morgen nicht. Wir standen mit vielen anderen Menschen eng zusammen im Gang der Bahn, die gemächlich durch das morgendliche Berlin zuckelte. Mit jeder Station wurden es nur noch mehr. Um diese Uhrzeit sind die Bahnen immer übervoll, da scheinbar alle Welt gleichzeitig zur Arbeit fährt. Uns nervt das manchmal ziemlich, obwohl wir ja selber zur Arbeit fahren.

Wir entschieden kurzerhand an der nächsten Station auszusteigen und eine andere Verbindung zu nehmen, von der wir wussten, dass wie garantiert einen Kuschelplatz zu zweit bekommen würden. Diese 5 Minuten Zeitverlust war uns das allemal wert.

Da standen wir nun, frierend und zittern, auf einem windigen kalten Bahnhof im November, und warteten auf den nächsten Zug. Mir viel sofort ein kleiner Junge auf, der ca. 2 Jahre alt war und in einem Sportwagen saß. Er schrie aus Leibeskräften.

So ein Geschrei

Es war ein wütendes Schreien, das konnte man der Tonlage sofort erkennen. Der Kleine war ganz rot im Gesicht, dass sich gerade mehr und mehr zu einer Grimasse verzerrte. Über irgendetwas musste sich der kleine Kerl so sehr aufgeregt haben, dass er es voller Wut in die Welt hinaus schreien musste. Im ersten Moment war ich automatisch genervt, wie einige andere Wartenden auch. Man konnte die abschätzenden und mahnende Blicke deutlich sehen. Niemand kann am Morgen ein schreiendes Kind gebrauchen. Schon gar nicht, wenn es womöglich mit einem zusammen in einen überfüllten Zug einsteigt. Noch dazu auf dem Weg zur Arbeit.

Irgendetwas hat mich jedoch dazu veranlasst, meine Gedanke in eine andere Richtung zu lenken. Es musste einen Grund geben, warum der Kleine so schrie. Kinder schreien nicht einfach so, sie haben immer einen Grund und wollen ihrer Umwelt etwas mitteilen. Oft finden sie noch nicht die richtigen Worte oder können noch gar nicht sprechen. Sie können nicht erklären, warum sie gerade wütend, traurig oder ängstlich sind. Sie können uns noch nicht mitteilen, dass sie Hunger haben, ihnen langweilig ist oder unsere ungeteilte Aufmerksamkeit in diesem Moment brauchen.

Wenn du keine Wahl hast

Dann müssen Kinder schreien. Manchmal haben sie keine andere Wahl, um sich bemerkbar zu machen und wahrgenommen zu werden. Selbst, wenn Kinder ihre Stimme in Form von Schreien, Jammern oder Quengeln, als sogenanntes Druckmittel einsetzen, ist auch das immer eine Art der Kommunikation. Sie haben irgendwann gelernt, dass sie damit Aufmerksamkeit bekommen und es eine Reaktion von ihrem Umfeld gibt.  Auch die besten Eltern der Welt können ihr Kind nicht 24h am Tag beobachten.

Es gibt einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen. Kinder handeln intuitiv, Erwachsene rational. Als mir das bewusst wurde habe ich die gleiche Situation ganz anderes gesehen. Insgeheim habe ich den Kleinen bewundert, dass er (noch) so mutig ist und seinem Ärger ordentlich Luft auf seine Art macht. Dabei hat er nur instinktiv gehandelt.

Denn das haben wir Erwachsene verlernt. Es wurde uns in der Kindheit abtrainiert, weil sich sowas nicht gehört.

Sei leise

Weil du nicht laut, sondern immer schön leise sein sollst, sonst bist du kein braves Kind. Sonst fällst du auf und passt nicht in die Norm. Bedenklicher aber ist, dass wir auch durch das „Norm-Raster“ der eigenen Eltern fallen als Kind und das deutlich zu spüren bekommen in Form von Regeln, Normen und Verboten. Dabei meinen es Eltern nur gut mit uns und wollen nur das Beste für ihre Kinder. Sie haben es selbst so gelernt und von ihren Eltern übernommen.

Kinder wollen nur eins: Geliebt und angenommen werden. Dafür tun Kinder alles, denn Kinder lernen schnell. Auch leise zu sein, wenn es sein muss.

Wir sollten Kindern viel öfter wirklich mal zuhören. Das wunderbare an Kindern ist, dass sie nicht kopflastig oder aus dem Verstand heraus handeln. Sie leben ganz intuitiv nach ihren Gefühlen. Dem Kleinen war es egal, wo er gerade war. Er war Jetzt wütend und das musste Jetzt raus. Kinder machen sich keine Gedanken darüber, ob es gerade passt oder nicht. Sie reagieren einfach, auch wenn das nicht immer zur Freude der Eltern geschieht.

Von Kindern lernen

Genau das macht Kinder so besonders. Wir können viel lernen von ihnen, denn sie zeigen uns, was in unserer Erwachsenen-Welt nicht immer richtig läuft. So viele Menschen unterdrücken als Erwachsene ihre Emotionen, Gefühle und wahren Bedürfnisse. Sie fressen sie in sich hinein, schlucken sie herunter oder schieben sie beiseite. Wir packen Gefühle und Emotionen gern in Schubladen, die wir fein säuberlich verschließen, viele, viele Jahre lang. So laufen wir nicht Gefahr irgendwo anzuecken, wie es uns in der Kindheit vielleicht manchmal passiert ist, weil wir es nicht besser wussten.

Das kann dich krank machen

Burnout, Unruhezustände, Schlaflosigkeit, Angst- Panikzustände, Bluthochdruck, Alkoholismus, Schmerzen, auch Mediensucht können nur einige Folgen der jahrelangen Verdrängung sein. Diese Zeichen kommen nur in den seltensten Fällen von heute auf morgen. Sie kommen ganz langsam und schleichend. Gerade so, dass wir sie nicht allzu sehr wahrnehmen und wir uns mit ihnen gut arrangieren können. Viele von uns leben einfach damit, weil sie sich daran gewöhnt haben.  Als Gefahr wird dieser Umstand nicht wahrgenommen. Jeder von uns hat dafür seine ganz eigene Taktik, unerwünschte Gefühle und Gedanken dort zu belassen, wo sie niemand sieht und hört. Vor allem wir selbst nicht.

Verdrängte Gefühle, Bedürfnisse und Emotionen haben jedoch die Eigenschaft sich nicht verdrängen zu lassen. Sie müssen raus, egal wie. Sie finden IMMER einen Weg.

Schau dich an

Jeden Morgen sehe ich Menschen um mich herum, denen es förmlich ins Gesicht geschrieben steht, wieviel Ärger Wut, Groll, auch Hass sie mit sich herumtragen. Ihre Gesichter sind starr, stumpf und angestrengt, in Falten gelegt, sorgenvoll, und oft auch einfach nur traurig. Den meisten Menschen ist das gar nicht bewusst.

Ich glaube, dass viele von uns eine Menge in die Welt hinaus zu schreien hätten, wenn wir es uns nur trauen würden. Die Angst vor den Konsequenzen, die sich daraus ergeben könnten, halten uns jedoch davon ab.

Nichts anderes hat der kleine Junge getan. Sich Luft gemacht, es aus sich heraus geschrien. Aus meiner Erwachsenensicht hat er genau das Richtige gemacht. Denn Ärger und Wut, die aus dir heraus sind, können dich körperlich nicht mehr krank machen und sich über Jahre hinweg in jede Zelle deines Körpers einnisten. Um sich von unterdrückten Gefühlen und Gedanken zu befreien müssen wir nicht alle gleich schreiend durch die Gegend laufen. Uns stehen weitaus mehr Mittel zur Verfügung als kleinen Kindern. Es geht auch anders.

Rede mal wieder

Was Kinder noch nicht so gut können, können wir als Erwachsene umso besser. Reden. Darüber sprechen, erklären, begründen, definieren, darlegen. Was sich so simpel anhört, ist für ganz viele Menschen jedoch unheimlich schwer. Ich kenne das selbst nur zu gut. Erstmal muss man sich selbst gegenüber seine wahrten Gefühle und Gedanken eingestehen, bevor man darüber reden kann. Es dann auch noch zu schaffen mit anderen Menschen darüber zu sprechen ist nochmal eine ganz andere Hürde. Das erfordert viel Mut und Vertrauen, denn wir öffnen unsere Innerstes und fühlen uns dadurch angreifbar.

Schreiben kann heilen

Eine andere Möglichkeit ist das Schreiben. Vor allem dann, wenn man sich nicht traut zu reden. Für mich ist es das Wundermittel schlechthin. Papier ist geduldig, still und erträgt alles. Ich sage das deshalb so voller Überzeugung, weil ich mich jahrelang dem Schreiben verschlossen habe. „Ich kann das nicht“, dachte ich immer. Es ist mir zu aufwendig, oder es bringt mir nichts…was für ein riesen Irrtum.

Eine Freundin hat mir schon vor Jahren das Schreiben ans Herz gelegt. Schreiben kann dir helfen Ordnung in dein Gedankenchaos zu bringen. Sie hat es mir immer wieder empfohlen. Heute weiß ich, wie Recht sie hatte. Danke an dieser Stelle an dich.

Papier kannst du alles anvertrauen, und seien es noch so abnorme, traurige oder Angst einflößende Gedanken. Du kannst alles danach vernichten, wichtig ist nur, dass alles einmal raus kann aus dir. Dabei ist es völlig egal, ob die aneinander gereihten Sätze einen Sinn ergeben. Schreib einfach drauf los, ohne darüber nachzudenken. Ganz egal, wie chaotische deine Gedanken sind. Das ist nur ganz allein für dich. Es muss niemals jemand sehen. Nach kurzer Zeit wirst du merken, wie gut es dir tut, einfach mal alles rauslassen zu können, ohne Angst vor Konsequenzen haben zu müssen.

Schreiben entlastet deinen Kopf und deine Seele. Es kann entspannen und beruhigend wirken. Gerade vor großen und wichtigen Lebensentscheidungen kann dir das Schreiben eine wertvolle Hilfe sein.

Ich kann es dir wirklich nur empfehlen. Es kostet dich nichts, außer ein bisschen Zeit und Mut. Es hat das Potential dein Leben ein kleines bisschen leichter und besser machen.

Die Mutter des Kleinen ist übrigens erstaunlich ruhig geblieben, was ich toll fand. Sie hat ganz leise mit ihm geredet und nach einiger Zeit hat er sich wieder beruhigt. Das ist nicht selbstverständlich. Die meisten von uns stehen in der Öffentlichkeit sofort unter Druck, wenn sich ihre Kinder „daneben“ benehmen.

An dieser Stelle danke ich dem mutigen kleinen Jungen und seiner entspannten Mama.

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will“.


Jean-Jacques Rousseau

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