Schreiende Welten

Es ist ein ganz normaler Dienstagmorgen halb 8 und ich bin wieder auf dem Weg zur Arbeit. Die halbe Stadt liegt lahm, nur wenige Bahnen fahren, um die Menschen zu ihren Jobs zu bringen.

Der Himmel ist an diesem Mittwoch tiefblau. Keine einzige Wolke ist zu sehen. Die Sonne streicht mir über das Gesicht und wärmt es, trotz der 17 Grad. Mit großen Schritten neigt sich das Jahr dem Ende entgegen. Die ersten Weihnachtsmärkte haben bereits geöffnet.

Ich habe mir meine Kopfhörer auf die Ohren gesetzt und versuche den Lärm der Stadt mit noch mehr Lärm zu überdecken. Ohne Erfolg.

Ich arbeite in einem kleinen Büro als Assistentin und verbringe die meiste Zeit im Sitzen. Deshalb nutze ich jeder Mittagspause, um ein paar Schritte zu gehen. 
Tief atme ich die frische Luft ein. Zu gerne laufe ich durch den angrenzenden Park und sehe den Hunden beim Spielen zu. Ihre Besitzer stehen meist am Rand einer Wiese, die an den Park angrenzt und von großen alten Bäumen umsäumt ist. Ab und zu rufen die Hundehalter Kommandos zu ihren Vierbeinern und sehen ihnen zu, wie sie ausgelassen herumtollen.

Es sind fast immer die gleichen Hunde im Park. Fast habe ich das Gefühl, einige von ihnen zu kennen, da ich selbst jeden Tag hier bin. Sogar unterschiedliche Charaktere lassen sich mit der Zeit erkennen. Die beiden Mopsbrüder, die jeden Mittag kommen, mögen es rasant und wild. Sie jagen sich gegenseitig gerne quer über die ganze Wiese und überrennen dabei auch schon mal den einen oder anderen Artgenossen. Dagegen mag es der große braune Labrador eher ruhig und gemütlich. Er inspiziert lieber in aller Ruhe einen Baum nach dem anderen. Er sucht wohl neue Nachrichten aus der Hundewelt und scheint sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen. Der Lärm um ihn herum scheint ihn dabei nicht zu stören. Wie macht er das nur?

Es könnte so schön sein

Es könnte so schön sein, wenn nicht ständig dieser Lärm um mich herum wäre. Ich bin sonst nicht so lärmempfindlich, jedenfalls war ich das bisher nicht. In diesem Moment kommt mir jedoch alles unendlich laut vor. Es fühlt sich an, als ob über mir ein großer Filter oder Trichter schwebt und aller Lärm der Welt darin gebündelt auf mich herabstürzt. Es ist wie eine Last, die ich nicht abschütteln kann. Am liebsten möchte ich mir manchmal einfach nur die Ohren zuhalten.

Berlin ist eine große Stadt, die niemals schläft. Egal ob am Tag oder in der Nacht, nie ist es in dieser Stadt wirklich still. Ewiger Straßenlärm, Flugzeuge über unseren Köpfen, Busse, Züge, Baustellen, rücksichtslose Menschen, Musiker in Bahnen, das Fernsehprogramm, Internet, unsere Handy; sie alle beschallen uns unentwegt.

So sehr wie ich diese Stadt liebe, so sehr kann sie mich auch manchmal an den Rand des Wahnsinns treiben. Es heißt immer, man gewöhnt sich irgendwann an alles. Lärm scheint eine Ausnahme zu sein. An den meisten Tagen stört er mich nicht sonderlich, ist er doch so sehr Teil meines Lebens geworden, dass ich ihn meist nicht mehr wahrnehme.  Es gibt jedoch Tage, an denen ich die Dauerbeschallung kaum ertrage. Jeder einzelne Ton, und sei er noch so leise, ist dann zu laut.

Der Park und unser Bürogebäude, von dem ich eingangs erzählt habe, liegen an einem stark befahrenen Knotenpunkt mitten in Berlin. Nonstop fahren die Autos auf einer dreispurigen Straße in beide Richtungen den ganzen Tag am Park vorbei.  Hinzu kommt täglicher Baulärm, der aus dem Untergrund an die Oberfläche dringt. Die U-Bahn bekommt einen Fahrstuhl, damit die Station für jeden zugänglich ist. Diese Baustelle befindet sich direkt vor unserem Büro und ist auf zwei Jahre ausgerichtet.

Überall Lärm

Die ganze Welt ist voller Lärm und wir sind mittendrin. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass viele von uns Stille als unangenehm empfinden und diese keine 5 Minuten mehr aushalten. In unserem Alltag kommen Ruhe und Stille nur noch selten vor. Schon am frühen Morgen, noch bevor der tägliche Wahnsinn richtig losgeht, schalten wir Geräte ein, um uns berieseln zu lassen.

Tagsüber sind wir fast alle einer beständigen, immer anwesenden Geräuschkulisse ausgesetzt. Der Chef ruft dauernd, weil er keine Geduld hat, die Kollegin nervt ständig, weil sie lange Weile hat, das Telefon klingelt immerzu, weil die Kunden sofort Hilfe verlangen. So geht das den ganzen Tag.

Am Abend, wenn wir erschöpft von der Arbeit kommen, wollen wir nur noch unsere Ruhe haben. Paradoxerweise schalten wir dazu wieder TV oder das Internet ein, um Entspannung zu finden. Wieder lassen wir uns stundenlang beschallen, oft bis in den Schlaf hinein.

Naturgeräusche

Töne oder Geräusche aus der Natur, eine Welt ganz ohne Dauerbeschallung durch die Medien, Werbung, Internet und Co., habe ich schon lange nicht mehr gehört. Ich weiß nicht mal mehr, wie sich die Natur wirklich anhört. Ständig wird alles von einem nie aufhörendem Geräuschpegel überlagert. In solchen Momenten wird mir schmerzlich bewusst, wie sehr ich die Ruhe und Stille vermisse und auch brauche. Ich habe dann immer das Gefühl, hier falsch zu sein. Nicht hierher zu gehören. Ich fühle mich ohnmächtig, nicht handlungsfähig, irgendwie überrannt von all dem Lärm, der mich lähmt. Wie Blei drücken diese Gedanken auf meinen Körper.

Wie ist das wohl in Ruhe zu sein, Stille zu hören, wenn man sie denn hören kann. Wie ist das, wenn man einfach nur nichts hört oder den Geräuschen der Natur lauscht. Spüren wir das genauso körperlich wie wir Lärm spüren? Lärm kann uns unruhig und nervös machen. Konzentrations- und Schlafprobleme, sowie Angst und Panik Attacken können sich bemerkbar machen, wenn wir ständig unter Strom stehen.

Echte Stille empfinden die meisten von uns erst einmal als gewöhnungsbedürftig. Unser Geist ist vermutlich ziemlich irritiert, weil er damit nichts anfangen kann. All unsere Gedanken schießen kreuz und quer durch den Kopf. Wir hören uns sozusagen selbst. Unsere eigenen Gedanken werden sonst immer von Geräuschen, Tönen oder Impulsen von außen verdrängt. Es ist nie Zeit für Sie da. Und wir nehmen sie uns auch nicht.

Ich kann mich nicht hören

Ich selbst kann manchmal meine Gedanken nicht richtig hören oder fassen, weil so viel Lärm um mich herum und in mir drin ist.

Es ist kein Wunder, dass so viel Menschen nicht wissen, was sie wirklich im Leben wollen, mich eingeschlossen. Wir hören uns nie selber zu. Unser Herz sagt es uns, aber wir sind immer beschäftigt mit endlos vielen Dingen. Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass wie ca. 70.000 Gedanken am Tag haben. Hinzu kommen noch tausende Impulse, Geräusche, Farben, Stimmen und Töne um uns herum. Angesichts dieser Masse ist es nicht verwunderlich, dass wir manchmal keinen einzigen klaren Gedanken fassen können. Es ist einfach zu viel auf einmal, was wir unserem Gehirn nonstop zumuten.

Gift in deinen Zellen

Ständiger Lärm kann sich mit der Zeit anfühlen wie Gift, der in jede Zelle des Körpers langsam vordringt. Wir werden sprichwörtlich dünnhäutig. Unsere Nerven sind leicht reizbar und liegen blank. Wir sind vielleicht nicht mehr so belastbar wie früher. Es macht uns Menschen unruhig und rastlos, lässt manche von uns in der Nacht nicht schlafen und wirre Träume durchleben. Ganz normale Alltagsgeräusche in normaler Lautstärke können mit der Zeit purer Stress für uns sein, weil wir sie viel lauter wahrnehmen, als sie eigentlich sind.

Beschütze dich selbst

Um uns vor ständigem Lärm und permanenter Reizüberflutung zu schützen, gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, um wieder zur Ruhe zu kommen und unserem Kopf eine Pause zu gönnen.
Das ist gar nicht so schwer und lässt sich leicht umsetzten, wenn man nicht gerade auf einem Rockkonzert ist.

Lass morgens mal das Radio oder den Fernseher aus und höre deinen Gedanken zu. Schau nicht gleich nach dem Aufwachen aufs Handy und sei sofort für alle Welt erreichbar. Gönn dir selbst ein bisschen Ruhe und deine volle Aufmerksamkeit.

Das ist nur für dich

Schon mit ein paar Minuten Stille tust du viel Gutes für dich. Geh in die Natur. Höre genau auf die Töne und Geräusche, die dich umgeben. Du wirst staunen, wie viele verschiedene Laute es gibt. Irgendwo findet sich immer ein Park, ein See oder eine Wiese in der Nähe, auch wenn man in der Stadt lebt.

Mich zieht es seit einiger Zeit immer wieder in die Unterwasserwelt. Seit Monaten bin ich fasziniert davon. Dort gibt es keinen Lärm für uns Menschen. Dort erreicht dich kein Handy und kein Chef. Dort gibt es keine Nachrichten, keine Autos, keine Flugzeuge, keine schreienden Menschen. Dort unten bist du unerreichbar. Und es ist so wunderbar still.

Vielleicht ist Meditation etwas für dich. Mit etwas Übung kannst du ganz wunderbar in Ruhe entspannen, den Alltag draußen lassen, die Gedanken einfach kommen und gehen lassen und ganz bei dir sein.

Es lohnt sich so sehr, sich jeden Tag nur ein paar Minuten Ruhe zu gönnen und seinen Gedanken zu lauschen. In einer Welt voller künstlicher Töne ist das Balsam für unseren Geist und unsere Seele.

„Die größte Offenbarung ist die Stille“.


Laotse

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