Irgendwo am Ende der Welt

Die halbe Stadt steht still. Nur wenige Bahnen fahren noch, um die Menschen zu ihren Jobs zu bringen. Schon seit Jahren verursachen das marode Schienennetz und die veralteten Zügen immer wieder erhebliche Störungen im täglichen Pendelverkehr. Hin und wieder wurden die gröbsten Stellen notdürftig geflickt. Irgendwann reichte das nicht mehr aus. Es musste endlich etwas geschehen.

Stillstand

Der Zeitpunkt war gekommen, um die Stadtbahn und ihr Schienennetz endgültig von Grund auf zu erneuert. Daher waren seit Wochen nur noch wenige Linien im Einsatz. Und die waren hoffnungslos überlastet. Der eingerichtete Ersatzverkehr konnte das vorprogrammierte Chaos nicht aufhalten. Jeden Morgen kämpften die vielen Menschen regelrecht um die wenigen Sitzplätze.

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich absolut kein Verlangen habe aufzustehen. Wir haben erst den Mittwoch erreicht und ich fühle mich bereits reif fürs Wochenende. Ich habe keine Lust die Bahn zur Arbeit zu nehmen. Ich habe keine Lust auf meinen Job, auf meinen Chef erst recht nicht, auf einen endlos langen Tag im Büro, auf die Mails, die auf mich warten, auf gefühlt tausend Telefonate und überhaupt habe ich heute Lust auf gar nichts.

Freiwillig

Es nützt nichts. Ich kann mich noch so sehr bemitleiden und nicht wollen, am Ende muss ich. Ob mir das nun gefällt oder nicht. Punkt. Immerhin habe ich mich irgendwann in grauer Vorzeit freiwillig dazu entschieden, jeden Morgen zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort eine bestimmte Stundenzahl zu leisten und festgelegt Aufgabe zu erfüllen. Das nennt sich Arbeitsvertrag. Diese Verpflichtung treibt mich letztendlich aus dem Bett. Schade eigentlich, dass es nur dieser Grund ist. Schnell schiebe ich meine Gedanken beiseite.

Wenig später stehe ich frisch geduscht und angezogen in der Tür und verlasse das Haus. Sehr viel motovierter bin ich nach wie vor nicht. Das wird auch nicht besser, als ich in einen der vollen Züge steige, um zur Arbeit zu fahren. Unwillkürlich vergleiche ich die Situation mit einem Tiertransport. Wie Vieh stehen wir eng zusammen gepfercht. Die Stimmung ist gereizt, die Menschen haben schlechte Laune und sind genervt. Sie treten sich gegenseitig auf die Füße und die Luft ist schlecht. Jeder will nur schnellstmöglich irgendwie an sein Ziel kommen.

Mittendrin im Chaos

Mit vielen Menschen auf kleinstem Raum eingesperrt zu sein habe ich noch nie gemocht. Geschlossene Fenster und Türen tun ihr Übriges. Das lange zu ertragen fällt mir sehr schwer. Leider habe ich an diesem Morgen keine andere Wahl. Alle Ausweichmöglichkeiten sehen nicht besser aus. Ich habe sie alle probiert. „Dafür bist du aufgestanden“, schießt es mir wieder durch den Kopf. Mein innerer Schweinehund Egon kann die Sticheleien nicht lassen.

Es ist so eng, dass ich es nicht einmal schaffe, mein Buch aus der Tasche herauszuholen. Ich ergebe mich meinem Schicksal und schaue mich um. Eingezwängt, inmitten meiner Mitmenschen, entdecke ich an der Decke der U-Bahn einen kleinen Monitor. Halbwegs interessiert schaue ich auf die kleinen flimmernden Bilder.

Der Ausschnitt eines neuen Kinofilmes läuft. Er heißt „An den Rändern der Welt“ und zeigt den Naturfotografen Markus Mauthe, der überall auf der Welt Fotos macht. An den abgelegensten Orten, den einsamsten Inseln, den tiefsten Wäldern, an wunderschönen Stränden, gigantischen Gebirgszügen, im ewigen Eis und bei völlig unbekannten Naturvölkern.

Ich bin sofort hellwach und spüre, wie mich diese Bilder förmlich anspringen. Mein Körper und mein Geist reagieren prompt darauf. Eine tonnenschwere Last scheint mich zu erdrücken. Mich packt das Verlangen, weit weg von all dem hier zu sein.

Gegensätze

Wie gerne wäre ich jetzt dort draußen, in dieser wunderschönen grenzenlosen Natur. Frei von Verpflichtungen, Aufgaben und Regeln. Stattdessen stehe ich mitten in einer vollen U-Bahn, die sich im Untergrund der Stadt vorwärts bewegt.

Ich möchte nicht hier unten sein.

Dieser Weg bringt mich nur zu einem 10 Stundentag, eingeschlossen in einem Büro, abgeschnitten von der Welt. Ich möchte raus und all die Orte, welche auf dem kleinen Monitor vorbeilaufen, mit meinen eigenen Augen sehen, fühlen, entdecken und erleben. Meine Gedanken versetzten mir einen Stich.

Einige Zeit später kann ich endlich aussteigen und mich von der Enge etwas befreien. Ich hole mir einen Coffe to go und nehme das letzte Stück Weg in Angriff. Zum Büro laufe ich morgens meist die letzten beiden Stationen zu Fuß. Dabei entdecke ich immer wieder neue kleine und große wundervolle Dinge, obwohl ich den Weg schon so oft gegangen bin. Nebenbei kann ich meine Gedanken ordnen. Ich liebe das. Es gibt mir das Gefühl, für eine kurze Zeit Teil dieser Welt zu sein.

Am Himmel sehe ich Zugvögel, die Richtung Süden ziehen. Ich kann nicht erkennen, welche es sind und wünsche ihnen leise eine schöne Reise in die Wärme.

Ich will fliegen

Wie wäre es wohl fliegen zu können? Einfach auf und davon. Einfach weg, wann und wohin ich will?

Auf meinem Weg komme ich immer an einer großen Vogelfoliere vorbei. Ich besuche sie jeden Tag und rede manchmal leise mit seinen Bewohnern. Ein kleiner Papagei mit grünen Federn und einer leuchtend roten Brust badet voller Wonne in einem kleinen Wasserbecken. Ich sehe ihm eine ganze Weile zu.

Er ist gefangen und kann nicht weg. Da nützt es ihm auch nichts, dass er fliegen kann der arme Kerl. Seine Welt ist begrenzt auf diesen Käfig. Er hat keine Wahl zwischen Freiheit und Gefangenschaft. Die Menschen haben ihm die Entscheidung gar nicht erst gelassen.

Wir haben immer die Wahl

Die Zugvögel am Himmel hatten die Wahl zu fliegen oder zu bleiben. Wir haben diese Wahl auch. Die meisten von uns trauen sich jedoch nicht, echte Entscheidungen zu treffen. Sei es in der Kindererziehung, in der Partnerschaft, im Job oder in der Lebensplanung allgemein. Es bedeutet mutig zu sein, Veränderungen und die damit verbundenen Konsequenzen nicht zu scheuen. Nur die wenigsten von uns sind wirklich bereit dazu. Und es bedeute, die eigene Komfortzone zu verlassen. Das ist die größte Hürde und immer mit Angst vor dem Unbekannten verbunden.

Verantwortung

Manchmal bedeuten echte Entscheidungen auch Ablehnung und Ausgrenzung aus der Gesellschaft ertragen zu müssen, weil die Menschen in deiner Umgebung dich plötzlich nicht mehr verstehen. Es bedeutet vor allem Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Davor haben wir Angst, weil wir es nicht gelernt haben. Wir lassen unser Leben lieber von unseren Lebensumständen bestimmen.

Und so bleibt bei vielen Menschen nur das Gefühl zurück, nicht das Leben zu leben, was sie eigentlich gerne möchten. Wir träumen nur davon. Manchmal ein Leben lang. Mit den Jahren wird dieses Gefühl immer schwächer. Das ist unsere Herzensstimme, die immer leiser wird, weil sie von uns nicht erhört wird. Irgendwann ist sie verstummt und unsere Wünsche und Träume damit begraben.

Alle diese Gedanken gehen mir auf meinem Weg durch die Stadt durch den Kopf. Ich hätte schon längst im Büro sein sollen. Es ist mir ausnahmsweise egal, dass ich zu spät komme. Wäre ich sofort auf die Arbeit gehetzt, hätte ich diesen kleinen rot-grünen Papagei mit seinen leuchtend grünen Flügeln nicht beim Baden zusehen können.

Reise nach Afrika

Zudem haben die Bilder in der U-Bahn etwas in mir ausgelöst. Ich fasse den Entschluss im nächsten Jahr für einige Wochen nach Afrika zu reisen und die letzten verbliebenen Wildtierreservate zu besuchen. Es ist schon lange Zeit mein innigster Wunsch. Bisher gab es immer tausend Gründe warum es nicht geht. Entweder hatte ich keine Zeit, keinen Urlaub oder kein Geld und mein Englisch ist ja auch viel zu schlecht.

Keine dieser Ausreden lasse ich ab heute mehr zu. Ich werde alles daran setzten, mir diesen Wunsch zu erfüllen.

Sei mutig

Das Leben wartet nicht darauf, bis der perfekte Zeitpunkt für etwas gekommen ist. Denn den perfekten Zeitpunkt gibt es nicht. Entweder wir packen die Gelegenheit beim Schopf und setzten alles, wirklich alles daran, unsere Träume zu erfüllen oder wir ergeben uns unserer Angst und verzichten dafür aufs Leben.

Nichts macht mir mehr Angst, die Dinge, die ich mir so sehr wünsche, nie getan zu haben. An meinem Lebensende möchte ich es nicht bereuen müssen, mein Leben nicht richtig gelebt zu haben.

Beschwingt durch meinen Entschluss und die neu gewonnenen Erkenntnisse laufe ich freudig die letzten Meter bis zum Büro. Ich kann mir ein großes Grinsen nicht verkneifen. Ich könnte die ganze Welt umarmen. Kein 10 Stundentag oder volle Züge können mir jetzt noch etwas anhaben.

Der Weg zum Ziel beginnt an dem Tag, an dem du die hundertprozentige Verantwortung für dein Tun übernimmst

Dante

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