Klartext

  • Warum es so wichtig ist, Klartext zu sprechen und nicht auf das Prinzip Hoffnung zu setzen.
  • Die scheinbar schwerste Sprache der Welt.

Im Leben bekommt man nichts geschenkt. Manchmal hält man ein vermeintliches Geschenk in seinen Händen, welches sich wenig später dann doch als Fake enttarnt. Die Rechnung kommt postwendend hinterher. Irgendwann fällt es einem vor die Füße, denn scheinbar sind immer Erwartungen an eine vermeintlich uneigennützige Geste geknüpft.

Mir selbst ist es erst passiert. Wir waren eingeladen, für ein paar Tage zu übernachten. Was so schön begann, endete überraschend anders. Dazu später mehr…


Wirklich selbstlos etwas für andere zu tun scheint eine nicht ganz so einfache Sache zu sein.

Ich selbst nehme mich da nicht aus. Auch mir gelingt es nicht immer, völlig ohne Erwartung einer Gegenleistung, etwas für andere zu tun. Zumindest hofft man im stillen Kämmerlein, das man eine Art Bonus beim anderen hat, wenn man etwas für sie oder ihn getan hat. Ganz nach dem Motto: Wie ich dir, so du mir.

Gott sei Dank ist der Mensch ein lernfähiges Wesen und auch ich habe im Leben viel lernen können. Mittlerweile habe ich das große Glück, dass ich mir meiner Gedanken ab und zu bewusst werde, was ich da so den ganzen Tag vor mich hindenke. Und wenn ich feststelle, dass es völlig unsinnige, zu nichts führende Gedanken sind kann ich sie stoppen und meine Gedanken in eine andere Richtung lenken.

Du kannst es lernen

Mit etwas Übung kann das jeder lernen. Mach dir so oft wie möglich die Situation bewusst, in der du gerade steckst. Was passiert gerade um dich herum, was nimmst du wahr, warum bist du gerade sauer oder was nervt dich so gewaltig. Was hat die Situation mit dir selbst zu tun, warum löst sie diese Gefühle in dir aus. So oder so ähnliche Fragen kannst du dir stellen. Oft wirst du feststellen, dass die Situation nur eine Art Hinweis ein ganz anderes Problem ist, welches du vielleicht mit dir herum trägst.

Die Geschichte

Meine Mum und ich haben einige Tage in Dresden zusammen ein paar Tage verbracht. Für die Übernachtung wurden wir von einem etwas weiter verwandten Familienmitglied eingeladen. Wir hatten sie angerufen und sie nach einer Pension in Dresden gefragt da sie schon immer in Dresden wohnt.  Zur Antwort kam die Einladung von ihr, bei ihr zu wohnen. Wir haben uns sehr darüber gefreut und diese gern angenommen. Zusammen mit einer lieben Tante war meinen Mum vor zwei Jahren schon einmal bei unserer Gastgeberin zum Übernachten.

Meine Mum ist ein Dresdner Kind, liebt diese Stadt und hat mir all die Orte gezeigt, an denen sie ihre Kindheit verbracht hat.

Wir hatten dort ein paar wirklich schöne Tage zusammen. Wir sind durch den Regen gelaufen, haben uns durch Weihnachtsmärkte gekämpft und haben Dresden aus der Ferne der Loschwitz Höhen betrachtet. Ein wunderschöner Ort da oben. Wir sind an den Elbwiesen spazieren gegangen, einer meiner absoluten Lieblingsorte in Dresden. Wir waren jeden einzelnen Tag von morgens bis abends unterwegs und nur zum Schlafen in der Wohnung. Morgens waren wir einkaufen und abends haben wir gekocht. Am Abend haben wir alle zusammen gesessen vom Tag erzählt und von längst vergangenen Familiengeschichten.

Geschenke

Mittendrin war Nikolaus, hier hatten wir unserer Gastgeberin ein hübsches Geschenk mitgebracht. Am Ende des letzten Tages hatten wir für sie nochmal eine kleine Überraschung mit einigen selbst geschriebenen Zeilen zusammengestellt und haben uns bedankt für die tolle Zeit bei ihr. Selbst uns zum Bahnhof zu fahren hat sie sich unter keinen Umständen nehmen lassen. Dabei wären wir gerne mit der Straßenbahn gefahren, weil ich so gerne damit fahre. Ich habe mich aber nicht getraut, ihr das so direkt zu sagen, da sie es persönlich zu nehmen schien, wenn man ihr den Wunsch abgeschlagen hätte.

So viel zum Thema Klartext… Was tut man nicht alles, um die Gefühle anderer Menschen nicht zu verletzen.

Meine Mum und ich sind glücklich und zufrieden mit vielen neuen Eindrücken wieder nach Hause gefahren.  Wir waren es auch so lange, bis wir einen gepfefferten Brief aus Dresden erhielten. Darin wurde uns der Unmut unserer bis dahin sehr netten Gastgeberin mitgeteilt. Sie sei sehr enttäuscht von uns, weil wir ihr keinen Obolus für die Zeit bei ihr dagelassen hätten. Wir seien Fremde für sie und sie müsse ihre Kosten decken.  Zur Krönung wurde uns direkt noch eine Bankverbindung mitgeteilt, mit dem Hinweis, wir sollen was draus machen.

Familienidylle ade

Das saß natürlich erstmal. Wir konnten im ersten Moment gar keinen Zusammenhang zwischen dem Brief und der uns bekannten, wirklich netten Dame, herstellen. Der Brief war auch noch mit dem Computer geschrieben und voller Flecken. Unpersönlicher ging es nun wirklich nicht mehr.

Wie reagiert man darauf ?

Im ersten Moment waren traurig und wütend und fühlten nur Unverständnis. Auf einmal bekommst du einen Stempel auf die Stirn gedrückt, den du gar nicht haben willst. Wir haben uns wie die letzten Idioten gefühlt, weil wir scheinbar etwas übersehen hatten. Wir haben die Welt nicht mehr verstanden.

Das Angebot kam von ihr selber, jedoch kein Hinweis darauf, dass sie sich freut, wenn wir ihr pro Tag Summe X bezahlen. Das wäre absolut kein Problem gewesen. Wir hätten das gerne gemacht. Wir hätten es nur auch gern gewusst.

Typisch Missverständnis

Wir haben uns vielleicht auch deshalb so verschätzt, weil die gleiche Dame sich vor zwei Jahren fürchterlich über Geld aufgeregt hat. Das haben meine Mum und ihre Tante damals nach dem letzten Aufenthalt heimlich da gelassen. Damals hieß es, das sei absolut unnötig gewesen. Ihr seid Familie, da ist das selbstverständlich.

Daran haben wir uns dieses Mal gehalten, denn es gibt tatsächlich Menschen, die es als Beleidigung auffassen, wenn man ihnen für ihre Hilfe Geld gibt. Das wollten wir dieses Mal vermeiden und eben „nur“ ein Geschenk da lassen, um uns bei ihr zu bedanken.

Falsch gedacht

Dieser Fall war hoffnungslos, egal wie man es drehte. Lässt man etwas da ist es falsch, lässt man nichts da ist es auch falsch.

Wir haben natürlich sofort drauf reagiert und Geld überwiesen. Wir finden die Art und Weise dennoch sehr schade, weil wir uns wirklich gut mit unserer Gastgeberin verstanden haben. Es wäre absolut nichts falsch daran gewesen, wenn sie uns nett drauf hingewiesen hätte, dass sie gern etwas für die Übernachtung haben möchte. Wir hätten es ihr wirklich gerne gegeben, das wäre überhaupt kein Problem gewesen.

Auch am letzten Tag hätte sie uns noch ansprechen können. Wir haben uns die ganze Zeit so gut verstandenen, so dass sie eigentlich wissen müsste, dass sie keine Angst zu haben braucht. Sie arbeitet seit Jahrzehnten in einer Männerdomäne und muss sich ganz sicher im Job durchsetzen. Warum traut sie sich bei uns nicht, uns anzusprechen?

Ich selber ticke da ganz anders. Wir haben mal einen Freund bei uns drei Monate fast umsonst wohnen lassen. Hier ging es um Starthilfe in einem neuen Land, die wir sehr gerne gegeben haben. Er ist der Mann meiner besten Freundin und beide wollten neu anfangen. Das haben übrigens auch viele nicht verstanden, jemanden so lange bei sich wohnen zu lassen aber das war uns egal.

Das Dilemma

Und das ist das Dilemma. Menschen haben Erwartungen und werden enttäuscht, wenn diese nicht eintreffen. Wie viele unzählige Enttäuschungen entstehen, weil die Menschen nicht sagen was sie wollen, aus Angst, aus Scham, weil sie nicht ihr Gesicht verlieren wollen oder aus welchem Grund auch immer.

Das Zauberwort heißt hier „Klartext“.

Und damit haben scheinbar viele Menschen Probleme. Es werden Erwartungen an den Tag gelegt, von denen man erwartet das der andere sie auf magische Weise erahnt. Werden diese dann nicht erfüllt, weil der andere eben doch keine Glaskugel hat, in die er hineinsehen und die Gedanken des anderen lesen kann, ist die Enttäuschung groß.

Diese eigene Enttäuschung bekommt dann der andere auch noch übergestülpt obwohl der gar nichts dafür kann. So läuft das fast immer. Dabei wären ein paar klare und einfache Worte hier viel hilfreicher, als darauf zu spekulieren, dass der andere schon wissen wird was man sich selbst wünscht.

Dabei ist es eigentlich logisch, dass man nur das bekommt was man auch bestellt. In diesem Fall mit Worten. Ist die „Bestellung“ nicht eindeutig, kann das Ergebnis ebenso nicht eindeutig sein und muss zwangsläufig zu Enttäuschungen führen. Warum es so schwer ist, klar zu sagen, was man wirklich will kann ich dennoch gut verstehen.

Wir alle haben Angst

In allererster Linie ist es schlicht Angst. Angst davor, was der Andere denken könnte. Natürlich will man den anderen nicht verletzten, verschrecken, oder sich selbst vielleicht peinlich fühlen, wenn man sagt was man möchte. Dabei machen wir uns unbewusst ein Bild darüber, was der andere wohl denken mag, obwohl wir es gar nicht wissen können.

Wir gehen davon aus, zu wissen was der andere denkt, hoffen darauf, dass der andere das weiß und entsprechend unserer „Einschätzung“ nach unsere Wünsche erfüllt. Und das geht meistens in die Hose, weil unsere Gedanken eben nicht richtig waren. Es war unsere Einschätzung, nicht die von unserem Gegenüber.

Es ist Niemandem geholfen, wenn man sich selbst und den anderen im Unklaren lässt. So ist die Gefahr viel grösser, dass keiner von beiden seine Wünsche erfüllt bekommt, beide ihr Gesicht verlieren und am Ende enttäuscht sind.

Damit nimmt man seinem Gegenüber die Chance es nicht zu versauen.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie viel tolle Beziehungen daran zerbrochen sind, weil die Partner nicht ehrlich zueinander sind und sich nicht trauen zu sagen was sie wirklich vom anderen erwarten und möchten. Wenn man das liebevoll auf Augenhöhe miteinander tut, kann es die Beziehung nur bereichern.

Ein bisschen mehr Ehrlichkeit würde der Welt gut tun, vor allem uns selbst gegenüber.

Denn dann müssten unsere Mitmenschen nicht weiterhin hellseherische Fähigkeiten an den Tag legen, um uns unsere Wünsche und Träume zu erfüllen und uns glücklich zu machen.

Weihnachten steht vor der Tür, da ist das Schenken, Geben und Nehmen wieder ein großes Thema. Schenk nur Dinge, die du wirklich verschenken willst und nicht, weil du es musst. Am besten sind die Geschenke, die du selber gerne bekommen möchtest.

Schenk aus vollstem Herzen, weil es dir ein Bedürfnis ist und nicht, weil du etwas zurück erwartet.

Das ist ein wirklich wunderschönes Gefühl und wenn du doch etwas zurück bekommst, dann hast du zur Freude des Schenkens noch zusätzlich etwas worüber du dich freuen kannst.

Die schwerste aller Sprachen scheint Klartext zu sein.
unbekannt

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