Ein Tag ohne Handy

Eines Morgen renne ich los, um noch die Bahn zu schaffen und pünktlich zur Arbeit zu gelangen. Dabei habe ich das Gefühl, irgendetwas vergessen zu haben. Darüber lange nachzudenken hatte ich jedoch keine Zeit mehr. Ich war schon viel zu spät dran. Den Wecker hatte ich zwar gehört, hatte aber immer wieder die Schlummertaste gedrückt. Das verschaffte mir jedes Mal weitere fünf kuschelige Minuten in meinem Bett. Ich wollte dieses Nest noch nicht verlassen und zögerte es immer wieder raus.

3 x 5 Minuten

Irgendwann musste ich wohl die Schlummertaste mit der Stopptaste verwechselt haben, so dass ich mehr als nur 3 x 5 Minuten länger im Bett geblieben war. Mein Unterbewusstsein realisierte das einige Zeit später, denn ich wachte mit einem Schreck ganz von selbst auf. Leider viel spät, was mir ein Blick auf die Uhr verriet. Ein Schwall Adrenalin schoss mir durch die Adern was mich sofort hellwach sein lies. Meine Sinne versuchten auf Hochtouren zu arbeiten, was jedoch noch nicht so richtig klappte. Ich versuchte einen klaren Gedanken zu fassen und überlegte angestrengt, wie ich in kürzester Zeit hier los kam. Was musste ich zuerst machen, was war jetzt das Wichtigste und auf was konnte ich verzichten.

Langsam wurden meine Gedanken klarer und ich sammelte in Windeseile meine Sachen zusammen, zog mich an, rannte ins Bad, versuchte drei Sachen gleichzeitig zu machen, stellte fest, dass das nicht gut geht, fütterte Katze und Hase im Galopp, schmiss mir meine Jacke über, griff meine Tasche und war endlich fertig. Während ich im Laufschritt zur Bahn eilte wurde das Gefühl immer stärker, etwas wichtiges vergessen zu haben. Die Antwort dazu kam direkt hinterher.

Mein Handy

„Scheiße“ war mein erster Gedanke. Ich hatte mein Handy zu Hause vergessen. „Das kann jetzt echt nicht wahr sein“ dachte ich. Um sicher zu gehen, dass das Unmögliche wahr geworden ist, suchte ich hektisch in meiner Tasche, in der Hoffnung, dass ich mich vielleicht geirrt hatte. Hatte ich nicht. „Was für ein riesengroßer Mist“ formten meine Gedanken. Kurz dachte ich darüber nach, den ganzen Weg zurück zu laufen, um es zu holen. Ich war aber schon zu weit weg und verwarf den Gedanken schnell wieder. „Dieser Tag fängt ja gut an“, jammerte ich im Geiste.

Einen ganzen Tag lohne mein Handy ?

Ich war offline. Im wahrsten Sinne des Wortes. Innere Unruhe stieg in mir auf. Niemand konnte mich erreichen und auch ich konnte keinen erreichen. Wenn jetzt etwas Wichtiges passiert würde ich es niemals erfahren. Ich würde die Uhrzeit den ganzen Tag nicht ablesen können, keine Mails checken, keine Nachrichten lesen, meine 3 Instagram-Accounts nicht prüfen können und überhaupt, ich war auf Stand-by gesetzt. Ich fühlte mich tatsächlich wie abgeschnitten von der Welt, wie ein Außenseiter.

Ich durfte einen ganzen Tag lang nicht mehr mitspielen und musste vom Spielfeldrand aus zusehen.

Interessanterweise fühle ich dieses unbehagliche Gefühl auch körperlich. Kleine Panikwellen durchliefen meinen Körper. Ich war auf dieses Novum nicht eingestellt und konnte mich gar nicht mehr dran erinnern, wann ich das letzte Mal ohne mein Handy unterwegs war. Ich fühlte mich plötzlich unsicher, weil ich mich plötzlich ganz auf mich selbst verlassen musste. Kein Google Maps, keine Wetter-Apps, kein Nachrichtendienst, keine Telefonnummern mehr.

Abhängig

Erst jetzt wir mir bewusst, welch große Rolle dieses kleines Gerät in meinem Leben spielt und wie abhängig ich davon bin. Viele von uns verlassen sich voll und ganz auf dieses Wunderwerk der Technik, weil es aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken ist. Für uns ist es so selbstverständlich wie Atmen und Essen. Wir geben einen Teil unserer Instinkte, unsere Intuition und unser Denken an unsere Handys ab. Ohne unser Handy sind wir aufgeschmissen, weil wir uns so sehr an ihre Dienste gewöhnt haben.

Ich z.B. kenne keine einzige Telefonnummer auswendig. Alle, wirklich alle sind in meinem Handy gespeichert. Sollte mein Handy seine Lebensdauer erreicht haben, werde ich ein echtes Problem bekommen, wenn ich nicht rechtzeitig reagiere. Ich kenne keine einzige Nummer auswendig. Und irgendwo auf einer Liste aus Papier habe ich keine einzige Nummer hinterlegt. Ich muss das unbedingt nachholen.

Ein bisschen nackt

Nun ja, da stand ich nun und fühlte mich etwas nackt. Die Bahnfahrt bis zum Büro dauert ca. 40 Minuten. Viel Zeit, um alles Mögliche mit dem Handy zu machen. Das fiel heute aus. Was für ein komisches Gefühl, dachte ich. Ein wenig verloren saß ich in der Bahn und wusste erst nichts mit mir anzufangen. Ein Buch hatte ich nicht dabei. Und so blieb mir nichts weiter übrig, als die Menschen zu beobachten. Ich hätte ihren Gesprächen lauschen können, wenn es welche gegeben hätte. Die gab es leider nicht, da fast jeder um mich herum mit seinem Handy beschäftigt war, außer mir.

Manche Menschen schauten angestrengt und mit strenger Mine auf ihr Display, ganz so, als ob sie schlechte Nachrichten erhalten hätten. Andere hatten die Augen geschlossen und hörten Musik über ihre Kopfhörer. Und wieder andere spielten irgendein kurzweiliges Spiel auf ihrem Handy, wie es sie zurzeit zu Hunderten, wenn nicht sogar zu tausenden gab.

Ganz ohne Filter

Mein Blick glitt aus dem Fenster. So eine handyfreie Zeit hat auch Vorzüge, wie ich schon kurze Zeit später feststellte. Vor meinen Augen bahnte sich gerade ein grandioser Sonnenaufgang an. Der Himmel sah bereits aus als ob er brannte.  Ein explosives Farbenspiel in Pink, Orange und Rot lies die Welt erstrahlen. Die Farben veränderten sich immer wieder. Normalerweise hätte ich ganz selbstverständlich ein Foto mit meiner Handy Kamera gemacht. Stattdessen konnte ich diese Aussicht voll und ganz genießen und musste nicht erst mein Handy rauskramen.

Gespeichert habe ich diese Bild trotzdem, und zwar in meinem Kopf und nicht in meinem Handy. Das hat den Vorteil, dass ich mir die Erinnerung immer, unabhängig von Ort und Zeit und vor allem unabhängig von meinem Handy, ins Gedächtnis rufen kann. Dieser Gedanke gefiel mir besonders. So hatte ich das bis dahin gar nicht gesehen.

Routine

Besonders fiel mir in den ersten Stunden Zwangspause auf, dass ich scheinbar ständig aufs Handy schaue. Das war mir bisher gar nicht bewusst. Ich habe mich tatsächlich einige Male bei dem typischen Griff in meine Tasche erwischt. Diese Bewegung scheint in meinem Arm eingespeichert zu sein. Wie fremdgesteuert, so selbstverständlich bewegte sich meine Hand immer wieder mal in die Tasche. Etwas bedenklich kam es mir vor. Zeigt es doch die Ausmaße meines Handykonsum.

Zeitgefühle

Noch etwas fiel mir besonders auf. Ich habe absolut kein Gefühl für Zeit. Wie lange dauert etwas, wie viel Zeit ist bereits vergangen, wie lang sind 5 Minuten. Ohne den ständigen Blick aufs Handy bin ich nicht in der Lage, das zu bestimmen. Wenn man das Gefühl für die Zeit verliert, werden vielleicht auch andere Fähigkeiten durch den Dauereinsatz unserer Handys in den Hintergrund gedrängt? Bei mir es die Memofunktion meines Gehirns. Dank des Handy muss ich mir nichts merken oder auswendig lernen. In wenigen Sekunden finde ich alle Informationen, die ich brauche. Das macht es nicht mehr notwendig, selber zu denken. Fluch uns Segen zugleich.

Oft nutze ich mein Handy auch als Notizbuch, vor allem wenn ich neue Artikel schreibe. Fast immer fallen mir Teile dazu unterwegs ein, die ich sofort festhalte, weil ich es sonst wieder vergesse. Oder ich buche ein Flugticket mit meinem Handy, finde die besten Preise von etwas und weiß zu jeder Zeit, wo welche Veranstaltung heute Abend stattfindet. So ein Handy ist schon eine nützliche Angelegenheit und im Alltag kaum noch wegzudenken.

Auszeit

So eine unfreiwillige Auszeit hat aber auch seine guten Zeiten. Du hast endlich mal Ruhe. Du unterliegst nicht mehr dem Zwang, ständig sämtliche Social-Media-Kanäle nach neuen Infos durchforstest, die Zeit zu checken, das Wetter für morgen abzurufen und dir die neuesten Nachrichten reinzuziehen. Du bist nicht nonstop erreichbar für alle und kannst auch nicht sofort auf jede Nachricht antworten. Denn das kann ganz schön nervig sein. Alle Welt erwartet das scheinbar.

Viele von uns stehen durch die ständige Fülle an Informationen unter Dauerstrom. Einen echten Mehrwert bieten dir die meisten dieser flüchtigen Informationen meist nicht. Der Dauerbeschuss kann jedoch ein gewisses Maß an Stress auslösen. Wenn du nicht ständig am Handy hängst hast du mehr Zeit für andere Dinge. Du nimmst deine Umwelt mehr wahr, da deine Aufmerksamkeit nicht nur auf einen einzigen Punkt gerichtet ist.

Dir fallen kleine und große Dinge um dich herum auf, die dir sonst entgangen wären. Das kann ein Eichhörnchen sein, welches senkrecht an einem Stamm nach oben in die Wipfel eines Baumes rennt. Das kann eine sich wohlig räkelnde Katze auf einem Fenstersims sein. Das können Wolken am Himmel oder der Duft von frischem Kaffee sein. Das kann ein herzhaft lachendes Kind oder ein verträumter Blick eines jungen Mädchens sein.

Die Welt dreht sich weiter

Als ich am Abend wieder zu Hause war hatte ich nichts Weltbewegendes verpasst. Es gab keine einzige Nachricht, die nicht auch bis zum Abend warten konnte und die wirklich wichtigen Dinge erfährt man auch ohne Handy. Das Handy einen Tagt lang zu Hause zu lassen ist kein echter Verlust. Die Welt dreht sich weiter. Der Tag war für mich sehr lehrreich, weil ich wieder Dinge wahrgenommen habe, die sonst nicht präsent sind.

Es ist ein schönes Experiment, das Handy einfach mal zu Hause zu lassen. Man entdeckt die Welt wieder ein stück weit neu. So interessant oder wichtig unsere Handys sein mögen, die Welt um uns herum hat viel mehr zu bieten. Ich kann es dir wärmstens empfehlen. Und wenn du wirklich unterwegs nicht weiter kommst, weil du keine App befragen kannst, kannst du immer noch jemanden fragen. Die allermeisten Menschen helfen gerne weiter. Und ganz nebenbei lernt man neue Menschen kennen.

„Das Brett vor dem Kopf wird in unserer Zeit durch das Handy ersetzt“.

Roland Peters

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