Im Vollrausch

Ein frostiger Morgen empfängt mich, als ich kurz nach 6 aus der Haustür trete. Tief atme ich ein und spüren, wie kalte Luft meinen Hals hinab in meine Lungen strömt. Der Reif auf den kahlen Ästen der Bäume glitzert im kargen Licht der Laterne. Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt. Ich ziehe den Kragen meines Mantels höher und vergrabe meine Hände tief in meinen Taschen.

Nur schwer bin ich heute Morgen aus dem Bett gekommen. Alle schliefen noch und draußen war es stockdunkel. Wirkliches Verlangen aufzustehen und in den Tag hineinzuspringen hatte ich nicht. Wiederwillig schob ich mich nach mehr als 30 Minuten mühsam aus dem Bett. Ein erster Kaffee verhalf mir zu etwas Starthilfe in den Tag. Damit funktionierte ich fürs erste.

Der Rabe und der Hund

Nachdem ich das Haus verlassen hatte schlug ich lustlos die Richtung zum Bahnhof ein. Wie fast jeden Morgen kam mir eine Frau mit ihrem Hund entgegen. Begleitet werden die beiden immer von einem großen schwarzen Raben.  Er hatte die beiden genau im Blick und folgte ihnen mit etwas Abstand. Am Anfang konnte ich mir dieses seltsame Verhalten nicht erklären. Irgendwann stellte ich fest, dass die Frau morgens immer frische Brötchen vom Bäcker holte und dem Raben das eine oder andere Stück Brot auf ihrem Weg zukommen ließ. Seitdem haben die beiden einen gefiederten Begleiter.

Am Bahnhof angekommen sah ich, dass der Bahnsteig bereits gut mit Menschen gefüllt war. Alle wollten stadteinwärts, so wie ich. Die Anzeige kündigte den Zug in weniger als 5 Minuten an. Trotzdem begann ich nach nur zwei Minuten warten zu frieren. Meine Gemütsverfassung sank genau wie das Thermometer in den Keller. Ich konnte nur daran denken, den Tag so schnell wie möglich hinter mich zu bringen und dabei möglichst nicht zu erfrieren.

Dass ich in den nächsten Minuten eine gewaltige 180 Grad Wendung in Sachen Motivation machen würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die Bahn kam pünktlich und ich stieg ein. Endlich konnte ich mich ein wenig aufwärmen. Bei einem kurzen Blick auf meine Mitreisenden sah ich nur in mürrische Gesichter. Ich konnte es ihnen nicht verdenken. Mir selbst war der Tag bisher völlig gleichgültig gewesen.

Parallelwelten

Um mich ein wenig abzulenken kramte ich in meiner Tasche nach meinen Kopfhörern. Ich hatte bis zu meinem Ziel 30 Minuten Zeit und wollte mich in eine andere Welt träumen. Weg von Kälte, Eis und Schnee. Hin zu Wärme, Meer und Sonnenschein. Ich suchte in meinem Handy nach einem ganz bestimmten Video, dass ich schon einige Male gesehen hatte.

Drei Frauen tauchen völlig schwerelos mit Walen im Meer. Sie sind Freitaucherinnen und tauchen ohne Geräte. Sie scheinen mit sich und den Meeresbewohnern völlig im Einklang zu sein. Die Unterwasseraufnahmen sind wunderschön anzusehen. Untermalt wird das Ganze mit einer melodischen Mischung aus Walgesängen und sanfter Musik. Alles zusammen ergibt eine sinnliche, berauschende, zauberhafte und absolut eindrucksvolle Komposition.

Emotionen

Während ich das Video anschaute versank die Welt um mich herum. Von außen nahm ich nichts mehr wahr. Ich versank in den Bildern, Töne und Farben. Die Bilder berühren mich jedes Mal. Fast hat es etwas Magisches an sich. Dieses Mal passierte jedoch mehr. Etwas war anders. Plötzlich spürte ich beim Betrachten der Bilder ganz intensive Emotionen, wie ich sie sonst nur ganz selten in dieser Intensität empfinde. Es fühlte sich an, als wenn eine Bombe aus Freude, Liebe, Farben und Begeisterung in mir zerplatzte und mich völlig ausfüllte.

Das Video ist nur knapp 7 Minuten lang, reichte aber aus, um mich vollkommen aus meinen trüben Gedanken herauszureißen und auf einen anderen Stern zu katapultieren. Was für ein wunderbares Chaos von der einen zur anderen Sekunde in mir tobte. Ich hatte das Gefühl, alle meine Zellen reagieren gleichzeitig miteinander. Mein ganzer Körper schien unter Strom zu stehen und begann zu kribbeln.

Mit allen Sinnen

Mittendrin bemerkte ich, wie die aufgehende Sonne mit voller Kraft über die vorbeiziehenden Häuser, in Goldgelborange strahlte und das Bild perfekt machte. Als ich ausstieg war ich bis zum Anschlag vollgepumpt mit Glückshormonen. Nur langsam sind mein Verstand und ich wieder in die Wirklichkeit zurückgekommen. Damit war die Vorstellung noch nicht zu Ende. Durch die gerade erlebte Erfahrung liefen alle meine Sinne auf Hochtouren.

Ich nahm meine Umgebung und mich selbst wie durch einen Verstärker wahr. Der Geschmack meines Kaffees, den ich mir an meinem Lieblingsstand holte, schmeckte viel intensiver. Ich konnte die einzelnen Härchen im Fell eines Hundes, der an mir vorbei lief, erkennen. Ich bemerkte das Herunterfallen eines einzelnen Blattes, welches sich dabei langsam um sich selbst drehte. Ich nahm das dezente Parfüm eines Menschen wahr, der an mir vorbeiging. Die Sonne, das Licht, der Himmel, die Farben, einfach alles erschien mir tausendmal stärker als sonst.

Die Welt kam mir in diesem Moment so unendlich schön vor. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an allem.

Im Rausch der Gefühle

Ich habe keine Ahnung, was in diesem Moment in meinem Körper passierte und habe so etwas noch nie erlebt. Es fühlte sich an, als ob alle Zellen Samba tanzten, Hand in Hand mit allen verfügbaren Glückshormonen. Endorphine, wie sie wissenschaftlich bezeichnet werden, sind körpereigene Opiate und versetzen den Körper in eine Art Rauschzustand. Ich fühlte mich tatsächlich gänzlich berauscht. Am liebsten hätte ich die ganze Welt umarmt. Den ganzen Rest des Weges habe ich ziemlich vor mich hin geschmunzelt. Es ging gar nicht anders. Aus jeder Ecke schien mir in überdimensionaler Leuchtschrift „Das Leben ist schön“ ins Auge zu springen.

Dieser Zustand hielt die nächsten Stunden weiter an. So schleppend und lustlos der Tag für mich begonnen hatte, so wunderschön und leicht verlief der Rest. Nur langsam baute sich die Masse der Glückshormone wieder auf ein normales Level ab. Ich war ziemlich beeindruckt, welche Fähigkeiten der Körper besitzt. Innerhalb von wenigen Sekunden sind wir in der Lage unser körperliches Empfinden vollkommen zu verändern. Dafür brauchen wir uns nicht einmal intensiv zu bewegen. Unter Umständen reichen alleine unsere Gedanken, um den gesamten Körper mit Glückshormonen zu fluten und ihn in einen euphorischen Zustand zu versetzten.

Keine Logik

Das Erlebnis war so eindrucksvoll, dass ich noch Tage später daran gedacht habe. Ich konnte mir einfach nicht erklären, wieso ich an diesem Tag einen derartigen Rauschzustand erfahren habe. Ich hätte gerne eine logische Begründung dafür gefunden, um es zu verstehen. Es fällt uns schwer, nicht immer alles zu hinterfragen. Dinge, die unserem Weltbild fremd sind, können wir nur schwer annehmen und akzeptieren.

Vielleicht müssen wir nicht immer alles erklären und sollten lernen uns und unseren Emotionen mehr Vertrauen zu schenken. Unser System hat sich sicher etwas dabei gedacht, wenn es uns derartig fühlen lässt. Vielleicht wollen uns unsere Herzen auf diesem Wege etwas mitteilen. Herzen wissen von Natur aus, was richtig für uns ist. Vielleicht sind es Signale, die sie uns senden und wollen uns wie Fackeln in der Dunkelheit eine bestimmte Richtung zeigen. Wir wissen es nicht. Wir haben jedoch eine große Chance es herauszufinden, wenn wir uns öffnen und uns darauf einlassen. Wir können dabei nichts verlieren. Wir können nur gewinnen.

„Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge.”

Wilhelm Busch

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