Der coolste Dad der Welt

  • Stell dir vor, du kannst dich an nichts mehr erinnern. Du findest deine Wohnung nicht mehr, weißt nicht, welcher Tag heute ist, wer du bist und wer du warst.
  • Demenz ist noch immer ein Tabuthema. Dabei betrifft es rund 45 Mio. Menschen weltweit und ca. 300 000 kommen jedes Jahr hinzu. Allein in Deutschland sollen schätzungsweise jedes Jahr 40 000 Menschen neu an Demenz erkranken.

Mein Dad hat mich zu diesem Artikel inspiriert. Er ist seit einigen Jahren an Demenz erkrankt und weiß davon nichts. Ich möchte auf die Krankheit Demenz und ihre Folgen aufmerksam machen, weil es immer noch ein Tabuthema ist, aber jeden treffen kann. Meine Mum hat sich lange Zeit Tag und Nacht liebevoll um meinen Dad gekümmert. Sie weiß am besten wie schwer es manchmal war. Es gab viele schlaflose Nächte, Zweifel und Ängste musste sie ausstehen und unendlich viele Sorgen hat sie sich gemacht. Mein Bruder und ich haben geholfen, so oft es ging.

Was bedeutet Demenz

Wer an einer Demenz, erkrankt, verliert Schritt für Schritt seine geistigen und intellektuellen Fähigkeiten. Gedächtnis, Denkvermögen, Sprache und praktisches Geschick verschlechtern sich ständig. Die Erkrankung führt zu Störungen von Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache, Sprechen und Urteilsvermögen.

Solange es unsere Familie nicht betroffen hat haben wir uns nie Gedanken um die Krankheit und deren Folgen gemacht. Es hat uns einfach nicht berührt. Das hat sich vor ca. 8 Jahren geändert, erst ganz langsam und kaum merkbar. Mit den Jahren wurden die Anzeichen immer stärker, aber für uns nicht wirklich greifbar. Wir haben nicht verstanden was passiert, nur gespürt das sich unser Dad langsam verändert. Ich habe lange Zeit die Krankheit meines Vaters nicht beachtet und ihr keinen Raum geben wollen. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Verdrängen war einfacher, weil es so für mich leichter war.

Die Realität

Irgendwann hat es jedoch nicht mehr funktioniert und ich musste mich der Realität stellen. Das war ich meinem Dad schuldig und das mindeste was ich tun konnte. Ich wollte die Krankheit und ihn besser verstehen können. Die Realität zuzulassen war verdammt hart. Irgendwie bleibt man in Gegenwart seiner Eltern immer Kind und für mich war mein Papa immer mein Held. Es ist schwer seinen Helden, der immer für einen da war und der Fels in der Brandung ist, schwach und hilflos zu erleben. Jeden Tag ein kleines Stückchen mehr.

Du erlebst mit, wie sich die Rollen ganz langsam vertauschen. Er wird für immer auf Hilfe angewiesen sein. So wie wir früher als Kinder auf die Hilfe unserer Eltern angewiesen waren. Damit umgehen zu können ist ein langsamer Prozess, der viel Verständnis und Geduld erfordert. Wir mussten alle erst in unsere neuen Rollen hineinwachsen, ganz besonders unsere Mum. Als Ehefrau ist es schwer zu akzeptieren, dass sich der Ehemann und Partner immer mehr in einen hilfebedürftigen Menschen verwandelt und die Erinnerungen an über 40 Jahre Ehe langsam schwindet.

Wir sind eine starke Familie und haben immer zusammengehalten. Die Krankheit hat uns vor ganz neue Herausforderungen gestellt und zusammen haben wir bisher alles geschafft.  Wir können die Krankheit nicht aufhalten aber wir können andere Menschen an unseren Erfahrungen teilhaben lassen und Ihnen damit helfen. Deshalb schreibe ich diese Zeilen.

Endstation Pflegeheim

Seit 1 ½ Jahren lebt mein Dad in einem Pflegeheim, speziell für Demenzpatienten. Wir haben das große Glück, dieses fast einmalige Pflegeheim in Deutschland ganz in unserer Nähe zu haben. So können wir ihn oft besuchen. Meine Mum sogar mehrmals in der Woche, da sie in direkter Nachbarschaft wohnt. Nicht unerwähnt möchte ich an dieser Stelle die Pflegekräfte lassen. Sie gehen sehr liebevoll mit den Bewohnern um, auch in stressigen Situationen. Das ist absolut keine Selbstverständlichkeit. Leider haben wir diese Erfahrung nicht in allen Heimen, in denen wir waren, machen können.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bedanken beim gesamten Team des Spezialpflegeheim in Hennigsdorf. Ihr leistet großartige Arbeit dort und das Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr. Ich habe den allergrößten Respekt vor euch und bin froh, dass es euch gibt. Ihr seid die Besten.

Meinem Vater geht es dort sehr gut und er erfreut sich, bis auf seine Demenz, bester Gesundheit. Er hat dort ein Einzelzimmer, in dem sich manchmal die ganze Familie versammelt, wenn das Wetter draußen schlecht ist. Ganze Bastel- und Filmnachmittage haben wir dort schon zusammen verbracht.

Vertauschte Rollen

An einem Sonntag im September letzten Jahres hatte ich ein ganz besonderes Erlebnis. Wir sind jeden Sonntag zum Kaffee da. An diesem Tag fiel es meinem Dad schwer, die Kabel für den Kuchen selbst zu halten und selbstständig zu essen. Ich habe schon oft gesehen, wie meine Mum ihm beim Essen hilft . Ich selbst hatte da bisher Hemmungen. An diesem Tag jedoch saß ich direkt neben ihm und ohne nachzudenken habe ich ihm einfach beim Essen geholfen. Ich habe meinen Dad das erste Mal gefüttert. Was für eine schöne Erfahrung das für mich war. Es hat sich nicht komisch oder eigenartig angefühlt.

Mein Dad hat es einfach zugelassen, als wäre es das normalste der Welt. Und genau das war es für ihn und für mich. Es war so eine wunderschöne, liebevolle Geste im Sinne von Geben und Nehmen. Es hat mir absolut nichts ausgemacht, im Gegenteil. Ich war so stolz drauf und hab mich sehr gefreut, dass ich ihm helfen durfte. Es fühlte sich an als hätte sich die Zeit einmal um die eigene Axe gedreht.

Als ich ein kleines Kind war hat er mich gefüttert, getragen und hat mir die Welt gezeigt. Ich war auf seine Hilfe, seinen Schutz, seine Liebe und seine Zuwendung angewiesen.

Jetzt dreht sich das Blatt und es ist so ein schönes, liebevolles und inniges Gefühl, ein kleines Stück zurück geben zu dürfen. Ich stütze ihm beim Gehen, helfe ihm beim Anziehen und manchmal fahren wir stundenlang mit dem Rollstuhl durch die Gegend. Ich weiß nicht wie es ist, wenn man an Demenz leidet.

Ich weiß auch nicht wie es sich anfühlt, wenn man als erwachsener Mensch plötzlich auf Hilfe angewiesen ist bei Dingen, die man ein Leben lang selbst gemacht hat. Mein Vater macht das alles mit und lässt es zu, er nimmt es einfach hin. Für mich ist er der coolste Dad der Welt.

Danke Papa für alles, was du für mich getan hast. Jetzt bin ich an der Reihe und kann all das für dich tun. Und das kann ich nur, weil du und Mum es mir beigebracht haben.

Meine Eltern

Ich liebe euch.

In meinem Hirn, da muss irgendwo ein Bermudadreieck sein, da verschwindet so viel.

Herrmann Lahm (*1948)

3 Kommentare

  1. Liebe Sandra,
    dies war der erste Artikel den ich heute von Dir gelesen habe – durch die Freundschaft mit Deiner Mama habe ich einen Teil der „Reise in die Grauen Tage“
    deines Papas begleiten können – eine starke Frau ist sie.
    Schreib weiter – denn Du sprichst direkt zu den Herzen der Menschen – so wie Du
    in der letzten Zeit immer mehr entdeckt hast was um Dich herum WIRKLICH passiert
    nehmen Deine Artikel die Menschen mit auf Deine sehr persönliche spannende Reise.
    Das größte Abenteuer finden wir in uns . . .
    Mein Opa war dement und ich kannte ihn nur als Riesen mit toten Augen – „Boulette, Toilette, Taschentuch “ waren die einzigen Worte die er noch erinnern konnte – das ist 40 Jahre her. Die Erinnerung bleibt und damals waren die Heime für alte Menschen schrecklich – zu der Erkrankung war nicht viel bekannt – pflegebedürftige Menschen lagen in 12 Bett Sälen getrennt von Stoffwänden.
    Die Geräusche und Gerüche werde ich nie vergessen, wenn meine Mama und ich Opa besuchten – ich war 10 Jahre alt. Heute wird viel liebevoller und mit der Erhaltung der Menschenwürde mit diesen verwirrten Menschen umgegangen und die Angehörigen müssen kein schlechtes Gewissen haben das sie ihre Lieben dort unterbringen mussten. Heute gibt es viele Angebote für Familien mit dementen Angehörigen und doch trauen sich die meisten Leute nicht sich diese Hilfe auch zu holen. Ein Erwachsener der in den Kleiderschrank pullert, mit seinem Essen spielt, weg läuft und im Schlafanzug oder nackig bei Aldi einkaufen will ist erschreckend und „peinlich“ für alle Beteiligten. Dein Artikel kann anregen sich Hilfe zu holen.

    Herzliche Grüße
    Monika – Mama Kuschel

    1. Liebe Monika, ich freue mich sehr über deinen Kommentar. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Und liebsten Dank für dein Kompliment für diesen Blog.
      Die Schilderung mit deinem Opa ist erschreckend, die armen Menschen damals.
      Und du hast so Recht. Es ist so wichtig sich Hilfe zu holen und vor allem Hilfe holen zu dürfen, ohne von der Gesellschaft dafür verurteilt zu werden.
      Jeden kann es treffen und jeder von uns hat seine Grenzen, körperlich und mental. Sich dann Hilfe zu holen weil man es nicht mehr schafft einen geliebten Menschen so zu betreuen, dass es ihm wirklich gut geht, denn nur das zählt, ist für mich fast schon eine Pflicht.
      Denn es ist niemandem geholfen, wenn man selbst unter der „Last“ der Verantwortung für einen demenzkranken Menschen zerbricht und dieser dann darunter leiden muss.
      Wir haben damals „für“ unseren Papa entschieden und nicht „gegen ihn als wir die Entscheidung für ein Heim zusammen als Familie getroffen haben. Denn für uns ist nur wichtig, dass es für ihn das Beste ist und nicht für uns, unser Gewissen oder unser Umfeld.

      Liebe Grüsse Sandra

      1. Es ist schön zu erleben wie sehr ihr hinter dieser Entscheidung und eurer Mama steht. Sie hat gekämpft bis zum kompletten Zusammenbruch um den Papa so lange wie nur irgend möglich allein zu versorgen.
        Der Zusammenhalt in der Familie und das übernehmen von Verantwortung und
        Sorge um jeden davon ist so wichtig damit wir alle von einander lernen können.
        Wir entwickeln uns nur in Gemeinschaft, denn in ihr haben wir immer unseren Spiegel der sehr genau zeigt wo unser Ego grade ein paar Aufgaben lernen und erlösen darf.

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