Leben und leben lassen

Das ist ein Artikel etwas anderer Art. Es geht um Veganismus. Das Thema Veganismus ist zurzeit überall präsent. Es steckt viel Zündstoff drin und polarisiert die Menschen. Ich lebe selbst seit über einem Jahr vegan. Das war nicht immer so. Vorher habe ich über 19 Jahre vegetarisch gelebt und bin dann erst komplett umgestiegen.  Ich kann einfach keine Haustiere halten und mit ihnen zusammen leben, aber auf der anderen Seite Tiere essen. Punkt.

Drama Baby, Drama..

Immer wieder stelle ich fest, dass es für meine Umwelt scheinbar ein riesen Problem ist. Treffe ich auf Menschen, die „Wind“ davon bekommen, dass ich vegan lebe, geht die Diskussion los. Und nicht, weil ich mit einem Leuchtschild durch die Gegend renne auf dem steht „Ich bin vegan und ihr lebt falsch“. Nein, sondern weil es sich manchmal nicht vermeiden lässt, dass es raus kommt, z.B. auf Geburtstagsfeiern oder bei Restaurantbesuchen. Schon hat man einen Stempel auf der Stirn und die dummen Sprüche gehen los.

Und ich bin es echt langsam leid, mich jedes Mal dafür rechtfertigen zu müssen. Ich verstehe nicht, warum es manche Menschen immer wieder teilweise zutiefst triggert, wenn ich zu erkennen geben muss, dass ich mich vegan ernähre. Die meisten fühlen sich automatisch verpflichtet, sich zu rechtfertigen, warum sie Fleisch essen. Dabei fragen ich nie danach…

Viele fühlen sich auf den Schlips getreten, wenn ich mich als Veganer „oute“. Meinem Gegenüber scheint es oft nicht zu passen. Warum?

Hier mal ein paar wenige Informationen, die immer keiner sehen will aber dennoch Fakten sind:

  • 70 Milliarden Tiere werden weltweit jedes Jahr geschlachtet. Es gibt aktuell 7,58 Milliarden Menschen auf der Erde
  • 15500 Liter Wasser werden benötigt um 1 kg Rindfleisch zu produzieren.
  • 50 Millionen männliche Küken werden jährlich in Deutschland nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert
  • 50 Prozent des weltweit angebauten Getreides wird an Nutztiere verfüttert, gleichzeitig hungern 800 Millionen Menschen
  • über 1000 Liter Wasser werden benötigt um 1 Liter Kuhmilch zu erzeugen.
  • 1700 Tonnen Antibiotika werden allein in Deutschland bei der Massentierhaltung eingesetzt, 7-mal so viele wie in Krankenhäusern
  • 54 Millionen Tiere landen allein in Deutschland jährlich im Hausmüll. Damit ist das Fleisch gemeint, das gekauft aber nicht gegessen und weggeworfen wird.
  • 80 Prozent der globalen Fischbestände sind überfischt und damit fast vernichtet

Wir haben Gesetze…

Jeder, der in ein Schnitzel, Bulette oder ein Hotdog beißt muss diese Entscheidung selbst für sich treffen. Nur sollte jedem bewusst sein, dass es nun mal Konsequenzen hat. Und zwar nicht nur für sich, sondern auch für andere Lebewesen und die Umwelt. Man entscheidet sich damit auch dafür, dass Massen an Tieren auf engstem Raum, ohne Licht, ohne Frischluft und unter jämmerlichen Bedingungen gehalten werden. Das ist nun mal eine Tatsache und die Realität von Millionen von Tieren, ihr ganzes Leben lang. Für mich ist das staatlich zugelassene Tierquälerei und dass, obwohl es in Deutschland Tierschutzgesetze gibt…

Der Mensch sieht sich immer so gern als das intelligenteste Lebewesen der Welt an. Eins, dass an der Nahrungsspitze ist und ganz oben steht. Wenn dem so ist, sollten die Fakten ja kein Problem sein für dieses Superwesen.

Ist mir egal…

Viele Menschen = viel Fleisch. Unsere Ressourcen sind begrenzt, so auch die Weideflächen auf unserer Erde. Die 70 Milliarden Tiere, die jedes Jahr geschlachtet werden, müssen irgendwo stehen, wachsen und gemästet werden. Sie brauchen Unmengen an Futter und Wasser. Also bleibt nichts anderes als die Massentierhaltung. Das ist mittlerweile jedem durch die Medien bekannt.

Die allermeisten wollen es aber nicht sehen und hören, weil es unbequem ist. Veganern wird lieber vorgeworfen man würde missionieren. Das wird ganz gern als Vorwand genutzt, um sich nicht damit beschäftigen zu müssen. Es ist schon ein Phänomen, dass man sich rechtfertigen muss, wenn man auf die Missstände aufmerksam macht. Gleichzeitig werden aber die Missstände billigend in Kauf genommen, wenn Fleisch gegessen wird. Was für eine verrückte Welt.

Schwein gehabt, du bist ein Hund…

Unseren Hunden oder Katzen würden wir das niemals antun. Ihr Leiden würden wir nicht akzeptieren und alles für Sie tun. Aber das sind eben auch keine Schweine, Kühe, oder Hühner.

Paul McCartney hat mal gesagt: „Wenn Schlachthäuser Glaswände hätten, würden alle Menschen vegetarisch leben“.

Daran glaube ich, denn was der Mensch nicht sieht, berührt ihn auch nicht. Ganz nach dem Motto „Was ich nicht sehe geht mich nichts an“.

Wenn mich jemand danach fragt möchte einfach nur vermitteln, was es bedeutet Fleisch und Milchprodukte zu konsumieren. Ich übernehme damit Verantwortung und zwar nicht nur für mich, sondern auch für andere Lebewesen, für meine Umwelt und den damit verbundenen Missständen. Und genau das tun meiner Meinung nach Menschen, die Veganer verurteilen, nicht. Die zeigen lieber mit dem Finger drauf und machen Witze.

Und wenn sich jetzt wieder jemand auf den Schlips getreten fühlt, dann ist das eben so. Dann habe ich zumindest erreicht, dass über dieses Thema nachgedacht wird. Dafür halte ich gerne her.

Wenn sich jemand über irgendein Thema aufregt, und das gilt für jedes beliebige Thema, dann scheint er bewusst oder unbewusst einen Konflikt mit dieser Sache zu haben. Denn sonst könnte es einem ja am Arsch vorbei gehen. Tut es aber nicht. Man muss noch nicht mal ein Wort darüber verlieren, welche Konsequenzen es hat, Fleisch zu essen. Das schlechte Gewissen wird jedoch gern auf die Veganer projiziert, weil sein Gegenüber sich „verurteilt“ fühlt. So ganz kalt scheint es die meisten ja doch nicht zu lassen….

Gier nach mehr…

Der unbändige Fleischhunger der Menschheit ist schon jetzt nicht mehr zu stillen. Es wird darauf hinauslaufen, dass es nicht unbegrenzt billiges Fleisch in den Supermärkten zu kaufen gibt. Und so viel Biofleisch, wie immer alle meinen nur zu essen, ist nicht verfügbar. Und Bio bedeutet nicht: „Alles ist schön“.

Es reicht einfach nicht, es sind zu viele Menschen, zu wenige Tiere, und noch weniger Ressourcen auf der Erde. Also wird die zukünftige Ernährung der Menschheit sowieso eine Wendung nehmen müssen.

So lange es die Menschen nicht persönlich betrifft macht sich kaum einer Gedanken darüber. Dass sie damit ihren eigenen Kindern, sprich der nächsten Generation ein Chaos hinterlassen, selbst das wird bei einem saftigen Schnitzel in XXL völlig ignoriert. Und zur Krönung werden dann noch Witze über die dummen Veganer gemacht.

Verrückte Welt…

Ich finde das verstörend. Denn in diesem Fall geht es nicht nur um das Schnitzel im Hier und Jetzt, sondern um das Vermächtnis, was wir unseren Kindern und den nachfolgenden Generationen hinterlassen. Und da ist es mir völlig egal, wenn mal wieder ein Nicht-Veganer auf den Veganismus anspringt.

Ob jemand Fleisch isst oder nicht kann mir und anderen Menschen völlig egal sein. Aber nicht egal sein sollte die Umwelt, in der wir leben, die Verpestung der Luft, die wir atmen, die Verseuchung der Erde, auf der wir uns bewegen und die Verschmutzung des Wassers, dass wir trinken.

Meistens ist es nicht möglich, ganz sachlich miteinander über dieses Thema zu reden. Ganz oft höre ich: „Lass mich in Ruhe damit“. Oder: „Geh mir damit nicht auf den Sack“. Auch beliebt: “ Ihr seid doch alle krank und habt Mangelerscheinungen“. Am „nettesten“ sind noch die üblichen Sticheleien.

Ich habe auch erstaunlicherweise noch nie jemanden getroffen, der sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt hat, alle Fakten kennt und sich dennoch ganz bewusst zum Fleischkonsum bekennt. Das wäre mal ein Statement, aber dazu muss man Eier haben. Viel leichter ist es, die Veganer zu belächeln und so vom Thema abzulenken.

Schmerzen, nein danke…

Man setzt sich erst gar nicht mit den schrecklichen Bildern und Fakten auseinander denn der Mensch ist ein fühlendes Wesen. Er vermeidet instinktiv Schmerzen und tut alles dafür. Die meisten von uns könnten diese Bilder nicht ertragen denn es tut weh und es ist schrecklich sowas zu sehen. Bis heute habe ich es nicht geschafft den Film „Dominion“ anzusehen. Man würde danach nicht drumherum kommen, Dinge in Frage zu stellen oder sein Handeln zu beleuchten.

Ich denke, wir als Menschen haben die Verantwortung in der Hand. Denn wir haben die Massentierhaltung, die Eier- und Milchindustrie erschaffen und wir sind damit verantwortlich für das Leid und die Konsequenzen. Wir sind für die Ressourcenverteilung verantwortlich, um genug Viehfutter herzustellen. Damit sind wir auch verantwortlich, dass es an Anbauflächen für Nahrung für Millionen von Menschen fehlt.

Ist nicht mein Problem…

Und ich finde als erwachsener Mensch kann man das nicht einfach wegschieben, weil es einem egal ist. Nur weil all das vermeintlich weit weg ist, sind die Probleme nicht weg. Sie sind trotzdem da. Sie betreffen nur nicht uns hier in unserer westlichen Komfortzone. Noch nicht.

Wie dem auch sei, ich jedenfalls habe keine Lust mehr mich immer in wieder in irgendeine Ecke drängen zu lassen, nur weil die Menschen die Fakten nicht ertragen.

Jeder soll für sich entscheiden, nur sollte man bei seinen Entscheidungen auch mal über den berühmten Tellerrand schauen. Und wenn mir schon der Rest der Welt egal ist dann sind mir vielleicht meine Familie, meine Kinder und meine Enkelkinder nicht egal. Und allein dafür lohnt es sich darüber nachzudenken oder sich wenigstens zu informieren

Das ist ein Thema, dass alle angeht, egal ob du da Bock drauf hast oder nicht. Ob du willst oder nicht, du entscheidest jedes Mal mit, ob Tierleid, Umweltverschmutzung und Hunger langfristig gestoppt werden können oder nicht.

Veganer nerven…

Ich möchte niemandem mit meinem Veganismus „nerven“. Aber ich komme nicht drum rum immer mal wieder als Veganer enttarnt zu werden. Und dann werde ich nicht mehr brav meine Klappe halten und die Demütigungen mit einem Lächeln runterschlucken, nur um ja nicht anzuecken.

Am Anfang war es mir sogar peinlich, wenn es rauskam. Das muss man sich mal vorstellen. Für etwas, was ich für mich und für viele andere entschieden habe, im positiven Sinne. Das wird mir nie wieder peinlich sein, weil ich dazu stehe. Im Übrigen ändert Veganismus nichts an einem Menschen oder an seinem Charakter. Es sagt rein gar nichts über einen Menschen aus. Das einfach nur noch am Rande, denn gern wird hier schnell vorverurteilt.

Augen auf…

Ich verurteile Fleischesser ja auch nicht, weil sie Fleisch essen. Und dazu hätte man, wenn man sich die Fakten anguckt, allen Grund. Aber das ist nicht die Lösung des Problems. Der Mensch ist ein selbständiges, selbst fühlendes, selbst denkendes und selbst entscheidendes Wesen. Jeder von uns trifft seine eigenen Entscheidungen.

Es geht um Aufklärung über Missstände, Umstände, Tatsachen und Fakten, die zusammen hängen. Denn ich glaube nicht, dass es so vielen Menschen wirklich egal ist. Es wissen nur immer noch zu viele Menschen einfach nicht Bescheid darüber. Die Medien und der Staat sind daran nicht ganz unschuldig. Die haben kein Interesse daran, den Menschen die brutalen Bilder, den ihr Konsum verursacht, unter die Nase zu reiben.

Leben und leben lassen heißt auch, nicht jedem seine Meinung ungefragt aufzudrücken. Ich renne ja auch nicht rum, und will jeden vom Veganismus überzeugen. Das habe ich am Anfang versucht und habs ganz schnell wieder sein lassen. Ich bin gern bereit, darüber sachlich zu reden, wenn man mich fragt oder auf mich zukommt.

Keiner regt sich darüber auf, wenn Menschen Fleisch essen. Aber alle regen sich darüber auf, wenn Menschen kein Fleisch essen.

Immer diese Öko`s…

Und wer sich jetzt hier „tierisch“ drüber aufregt (man beachte den Wortwitz) der kann das gerne tun. Als Veganer soll man immer schön den Mund halten und wird als Öko abgestempelt. Sich aber die dummen Sprüche von Fleischessern anhören müssen, das ist wieder ok. Tut man es nicht, schon missioniert man……. Was für eine verrückte Welt.

Es geht nicht darum, den Menschen etwas „wegzunehmen“, wenn man sie auf die Fakten des Fleischkonsum aufmerksam macht. Das tun die Menschen mit ihrer Ignoranz von ganz alleine, nämlich langfristig die Lebensgrundlage von uns allen. Vielleicht noch nicht jetzt gleich aber schon unsere Kinder und deren Kinder werden die Auswirkungen deutlich zu spüren bekommen.

Aber es schmeckt ja so gut………

Guten Appetit

Tatsachen schafft man nicht dadurch aus der Welt, dass man sie ignoriert.

Aldous Huxley

2 Kommentare

  1. Jiep, leider muß ich Dir da völlig recht geben. Ich komme aus einer Generation von der Verzehr von Fleisch gleichbedeutend mit Wohlstand war. Wer also ein guter Familienvater war ( Gleichberechtigung war noch in der Babyphase) der sorgte dafür das es „ordendlich Fleisch“ gab. Die Haltung von Tieren war nicht im Bewußtsein der Menschen – es war die Zeit von Kosumrausch und Luxus kaufen können.
    Deine Generation ist da viel bewußter und rebelliert (Gott sei Dank) gegen alte Muster und Glaubenssätze indem ganz klare Fakten nachgewiesen werden und andere Lebensformen ausprobiert und untersucht werden.
    Die Ausbeutung, Verschmutzung und Verletzung unserer Erde und anderer Mitgeschöpfe hat so viel Schaden hinterlassen und niemand kann mehr sagen:
    „Sie wissen nicht was sie tun“. Ein schlimmes Erbe für unsere Kinder und Enkelkinder. Der Weckruf wird immer noch von vielen nicht gehört, denn wir sind Gewohnheitstiere und unser Fehlverhalten hat immer noch keine für den Einzelnen extrem spürbare Konsequentzen. Es muß wehtun bevor es geändert wird und die Menschen sind sehr langsam im bewußt werden.
    Aber wir geben die Hoffnung nicht auf ;O)

    1. Liebe Frau Kuschel,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Du sprichst etwas ganz wichtiges an, nähmlich Verständnis für andere Generationen zu haben, weil es nunmal vollkommen andere Zeiten waren als heute. All zu oft wird das vergessen bei all der „Aufklärungsarbeit“. Schnell wird versucht jedem seinen Stempel aufzudrücken, ohne überhaupt hinter die Kulissen zu schauen. Es gibt immer Gründe, warum Menschen so handeln wie sie handeln. Erziehung, Umfeld und Erfahrungen spielen hier eine große Rolle und Veränderungen brauchen Zeit. Auch wenns in dem Artikel nicht ganz so sichtbar ist, es geht nicht um Schuld. Es geht darum hinzuschauen, mutig zu sein, Missstände aufzudecken, (wieder) Bewusstsein für Tier und Umwelt zu schaffen. Jeder einzelne von uns ist Teil der Natur, es ist uns nur nicht mehr bewußt. Und so lange wie wir nur diesen einen Planeten haben bleibt uns gar keine andere Wahl, als auf ihn auszupassen, ihn zu beschützen und nicht ihn zu zerstören.

      Liebste Grüße, Sandra

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