Warum sind wir manchmal blind?

Ich bin mitten in einer Diskussion über Essen. Besser gesagt über das, was ich gerade auf dem Teller habe. Ich versuche zu erklären, warum ich nichts mit Tier drin esse. Ort des Geschehens ist ein Restaurant, irgendwo in Berlin, umgeben von Freunden der Familie. Ich versuche das Thema immer zu vermeiden, weil es meist auf Unverständnis stößt. Bestenfalls werde ich belächelt, wenn es blöd läuft muss ich mich rechtfertigen.

Bilder von Tierquälerei in Form von Massentierhaltung will keiner sehen. Alle wissen es aber jeder schaut weg. Die Menschen wenden sich ab, sind geschockt, fühlen sich peinlich berührt wollen es nicht sehen und machen dicht. Spätestens dann sind die Gespräche beendet. Dabei möchte ich nur helfen. Warum versteht das keiner?

Was ist das Problem?

Ich will herausfinden, warum Menschen für Probleme, die offensichtlich sind manchmal blind und taub sind.

Veganismus soll hier nur als Beispiel dienen, weil ich selbst vegan leben.

Ich habe früher auch und gerne Fleisch, Eier und Fisch gegessen. Dabei war ich schon immer ein großer Tierfreund. Als Kind hatten wir ständig Haustiere zu Hause und in unserem großen Garten habe ich immer die dicken Hummeln beim Nektar sammeln beobachtet.

Einen Zusammenhang zwischen dem was ich auf dem Teller hatte und der Natur und der Umwelt habe ich nie gesehen. Mit Tierquälerei habe ich es schon gar nicht in Verbindung gebracht.Ich liebe Tiere und würde gerne alle verlassenen, verwahrlosten und ausgesetzten Tieren der Welt retten, wenn ich könnte. Das Fleisch essen etwas mit Tierquälerei zu tun hat ist mir dabei nie in den Sinn gekommen. Ich wusste es einfach nicht. Niemand hatte uns darüber aufgeklärt. Nicht in der Schule, nicht in den Medien nicht in der Werbung und nicht durch unsere Eltern. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht.

Irgendwann hab ich nur noch vegetarisch gegessen. Und das auch nur, weil mein Bruder es vorgemacht hat. Seit anderthalb Jahren lebe ich vegan. Und das auch nur, weil es mir meine Tochter vorgemacht hat. Der Auslöser waren keine offensichtlichen Missstände und Umweltsünden, sondern mir nahe stehende Personen.

Gründe

Als Kinder sind unsere Eltern unsere Vorbilder. Wir orientieren uns an ihnen und ahmen sie nach. Diese wiederum haben sich an ihren Eltern orientiert. Die Eltern sind Gesetz. Als Kind hinterfragen wir die Dinge nicht, außer, es wird uns beigebracht.

In den Medien sehen wir die ganze Zeit Bilder über Verwüstung, Zerstörung, Tod, Elend, über Macht und Geld, über Verbrechen, Mord und Totschlag, über Krieg. Und das von morgens bis abends. Dazwischen wird uns eine schöne heile Welt in Form von Werbung vorgegaukelt. Über Umweltverschmutzung und Tierquälerei findet man nur am Rand ab und zu etwas. Sicher gibt es auch wunderschöne Dokus über Natur und Tier, aber die muss man suchen. Zur Hauptsendezeit um 20:15 Uhr findet man solche Filme in den Breitemasse-Medien nicht.

Zu viel Drama

Was macht es mit uns Menschen, wenn wir den ganzen Tag von so viel Unheil berieselt werden? Wir sehnen uns nach einer schönen heilen Welt. Und wo finden wir die? Tatsächlich auch in den Medien und im Konsum, denn die liefern die Lösungen gleich mit. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Alles ist so schön intakt und friedlich. Es gibt nur glückliche Menschen. Und genau so wollen wir auch sein. Also konsumieren wir all die Dinge, weil sie uns diese schöne heile Welt vorspielen, um dem Elend da draußen zu entkommen. Wenigstens für kurze Zeit.

Da kannst du nichts machen..

Die Medien vermitteln manchmal den Eindruck, dass die Welt da draußen schon verloren sei. Es lohnt sich also nicht für den Einzelnen sich hier noch zu engagieren. Die meisten von uns fühlen sich hilflos. Fatal, denn wenn viele Millionen Menschen das gleiche denken, ändert sich tatsächlich nichts. Alles bleibt so wie es ist. Das Geschehen kann unbehelligt von Wenigen weiterhin gelenkt werden. Vielen von uns ist das nicht bewusst. Ein Einzelner kann wenig bewirken aber viele tausende Einzelne können sehr wohl etwas bewegen.  

Wie gesagt, die Medien zeigen uns nur Katastrophen und Zerstörung auf der einen Seite und eine Hochglanzwelt auf der anderen. Das Gegen- und Beruhigungsmittel dazu in Form von Konsumprodukten wird von mächtigen Konzernen in die ganze Welt geliefert. Das Wohl der Menschen ist dabei zweitrangig. Diese Produkte wollen in erster Linie gekauft und konsumiert werden. Und damit das auch so bleibt, versetzt man sie mit allerlei „Suchtmittel“ wie Hochglanz, Zucker, Fett, Konservierungsstoffen und falschen Versprechungen.

Schöne Scheinwelt

Die Wirkung dieser Scheinwelt ist mächtig und stark. Das muss sich auch, denn wo kämen wir denn hin, wenn die Menschen anfangen würden, Missstände zu hinterfragen und sich ein eigens Bild und eine eigene Meinung von der Welt machen würden.

Das ziehen wir uns dann rein, in der Hoffnung, wenigstens ein kleines Stück von der schönen heilen Welt aus der Werbung ab zubekommen.

Dann gibt es noch die digitalen Welten, in die wir auch abtauchen können. Weit weg von dieser bösen Welt da draußen. Um dahin zu gelangen müssen wir uns nicht mal bewegen.  Wir können das bequem von unserem Sofa aus tun. Es ist so einfach, braucht es doch nur wenige Klicks. Hier bauen wie uns eine ganz eigene kleine perfekte Welt auf. Und uns selbst erschaffen gleich ganz neu mit, weil wir da draußen sowieso nie gut genug sind. In unserer selbst geschaffenen Welt sind wir wahre Helden, unerschrockene Krieger, Zauberer, Herrscher, Königinnen oder was auch immer. Alle mit Superkräften versteht sich. Das zielt auf unser Belohnungssystem, haben wir doch alles aus eigener Kraft mit wenige Aufwand geschaffen und können stolz drauf sein…

Informationsflut

In unserer Welt gibt es so wahnsinnig viele Informationen, die jederzeit immer und überall verfügbar sind. Wir werden regelrecht überrollt, es ist müßig sich aus dieser Masse die Wichtigen rauszusuchen. Wir lassen uns lieber von den Medien berieseln, die wissen was gut ist. Das ist viel einfacher. Die Informationen werden nicht mehr hinterfragt, wir nehmen sie einfach an.

Es ist nicht verwunderlich, dass viele Menschen in absoluter Unbewusstheit zu sich und zu ihrer Umwelt leben.

Hoffnung…

Ich habe 18 Jahre lang vegetarisch gelebt, und war der Meinung damit meinen Beitrag zu leisten. Meine Tochter fing irgendwann vegan zu leben. Das wollte ich selbst testen und habe es eine Weile versucht und bin dabei geblieben. Erst dann habe ich festgestellt was es heißt vegan und nicht mehr vegetarisch zu leben. In vielen vegetarischen Lebensmitteln, Kleidung, Kosmetika und sogar Möbeln sind tierische Bestandteile drin. Und damit die da rein kommen müssen vorher Tiere geschlachtet werden. Das war mir damals nicht klar.

Der Wendepunkt kam bei mir durch einen Film mit dem Titel „Earthlings 2.0“ über die Praktiken in der Tierindustrie. Der hat mich geschockt, die Bilder haben sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Der hat mir die Augen geöffnet. Nach diesem Film war ich vegan.

Seit diesem Erlebnis suche ich gezielt nach Informationen und lasse mich nicht mehr nur berieseln. Es gibt so viele gute Dinge, die auf der Welt passieren. Es wird nur nicht in den Mainstream Medien darüber berichtet. Möchtest du positive Nachrichten finden, dann schau dir z. B. nur positive Nachrichten.de an.

Ich kann es vollkommen nachvollziehen, wenn man sich der vielen schlimmen Nachrichten entziehen will. Wir sind alle nur Menschen und wollen uns schützen. Leider zeigen uns die meisten Medien nur die eine Seite der Medaille. Dabei ist die Welt nicht nur schlecht.

Ganz im Gegenteil. Die Welt ist wunderschön, voller Überraschungen und Geheimnisse. Es gibt so viele Menschen und Projekte auf der ganzen Welt, die sich für die Menschheit und die Umwelt einsetzen. Hier kann jeder einzelne von uns auf seine ganz eigene Weise ein Teil davon sein und etwas bewirken. Dazu braucht es keine Medien, die uns was anderes vorgaukeln wollen. Die Welt ist noch lange nicht am Ende, solange die Menschen wieder lernen auf ihr Herz zu hören und wieder aktiv werden.

Wir nehmen die Welt nicht so wahr, wie sie wirklich ist, sondern so, wie wir sie als Vorlage in uns tragen.


Horst Vogel, „Ach könnt ich euch nur ändern.“

2 Kommentare

  1. Liebe Sandra,
    was für ein wunderbarer Artikel und was für ein Druck der da sichtbar wird.
    Ja 90% der Menschen schläft auf dem bequemen Konsumsofa obwohl den meisten Menschen die Informationen über Ernährung und Umwelt zugängig sind.
    Der Unterschied liegt in der Verarbeitung der Informationen – dem begreifen , ergreifen und umsetzen. Dazu gehört Erkenntnis oder Weisheit und die geschied immer nur durch persönliches „Betroffen sein“ — es ist ein Reifeprozess der sehr langsam einsetzt und bei jedem Menschen erst einmal „angekickt“ werden muß.
    Es ist also richtig und wichtig das Du Zeugnis ablegst für deine Erkenntnisse, aber für die Betroffenheit / den Kick sorgt etwas anderes, das größer ist als wir uns das vorstellen können.
    Da ist eine unendliche Geduld und Liebe – ein Urprogramm für alle Menschen und für jeden in seiner persönlichen Zeit um zu reifen und nach dem Kick endlich zu verstehen was wirklich passiert und weiter zu sagen und vor allen Dingen zu zeigen wie wir sein können.
    Sorge Dich nicht zu sehr um andere Menschen und die Welt mit ihren scheinbaren Wirklichkeiten – lebe Deine Wirklichkeit und Werte und verändere einfach schon durch diese Klarheit ganz ohne Druck — aber mit Beharrlichkeit die Wahrnehmeung der anderen Menschen in Deinem Umfeld.
    Es ging von einer Person in Deiner Familie aus und hat immer mehr Menschen erfasst sogar Deine Mama die mit 50+ :O) ganz andere Ernährungsweisheit mitbekommen hat und jetzt nach veganen und vegetarisschen Rezepten ausschau hält.
    Durch Deine Artikel wird vielleicht der ein oder Andere einen Kick bekommen genauer hin zu sehen . . . . . weiter so – – – Respekt

    Monika (leider immer noch unvegan — und auf dem Weg )

    1. Vielen Dank für deinen schönen Kommentar, liebe Monika. Du hast Recht, sich Sorgen zu machen bringt mich nicht weiter. Bei Menschen, die einem nahe stehen ist das manchmal nicht so einfach. Denn man liebt sie und will nur das Beste für sie. Doch jeder braucht seine Zeit denn jeder hat seinen ganz eigenen Rhythmus. Mein Prozess hat insgesamt fast 20 Jahre gedauert. Und genau diese Zeit habe ich gebraucht. Um so mehr freue ich mich jetzt, wenn ich es tatsächlich schaffe, auch nur einen einzigen Menschen auf die eine oder andere Weise zu erreichen.
      LG Sandra

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