Wenn Träume platzen

  • Du bist voller Tatendrang, hast große Pläne und nichts auf der Welt kann dich aufhalten
  • Ein paar blöde Gedanken reichen jedoch aus, um deine Welt von weiß auf schwarz zu drehen und alles infrage zu stellen
  • Wie kommt man da wieder raus und kann man sich davor schützen?

Ich sitze im Büro und versuche mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Es ist ein ganz normaler Tag, nichts Ungewöhnliches war passiert bisher. Immer wieder schweifen meine Gedanken ab. Die ganze Zeit überlege ich, warum ich heute so mies drauf bin. Ich fühle mich träge, müde und unmotiviert. Ich bin genervt und weiß nicht mal genau warum. Ich kann mich selbst nicht ertragen, weil ich in diesem Dilemma feststecke und nicht raus komme. Irgendetwas nagt an mir und lässt mich zweifeln. Es ist wie ein Teufelskreis, in dem ich mich um mich selbst drehe, ohne Sinn, Verstand und Grund.

Nichts kann uns aufhalten

Nur zwei Tage vorher sah die Welt noch ganz anders aus. Zwei Tage lang waren wir in einer anderen Galaxie unterwegs. Zwei Tage lang haben wir gelacht, getanzt, geweint, und sind auf Stühle gesprungen. Das alles zusammen mit ca. 2800 wildfremden Menschen, die gefühlt alles Freunde waren in dieser Zeit. Stundenlang haben wir Rednern auf einer großen Bühne zugehört und waren begeistert von ihren Worten. Riesige Luftballons und eimerweise glitzerndes Konfetti hat es vom Himmel auf unsere Köpfe geregnet.

Der Höhepunkt war eine Pfeilbrechübung, bei der man einen Pfeil aus Holz mit einer Metallspitze in die kleine Vertiefung vorn am Hals legt und nur mit dem eigenen Körperdruck und einer gehörigen Portion Selbstvertrauen zum Brechen bringt. Ich war so voll mit Energie, dass ich das Gefühl hatte ich platzte. Danach wollte ich sofort loslegen, die Welt einreißen und ganz neu wieder aufbauen. Es gab kein Halten mehr, keine Grenzen, kein Tag, keine Nacht und Schlaf wird sowieso überbewertet. Ich hatte das Gefühl, alles, wirklich alles zu schaffen und nichts und niemand kann mich aufhalten.

Wackelpuddingsyndrom

Nur zwei Tage später war davon nichts mehr übrig. Es hat den ganzen Tag gedauert, bis mir klar wurde, warum ich in diesem „Wackelpuddingzustand“ war. Der Impuls dazu kam ausgerechnet von meinem Dad, der in einem Pflegeheim wohnt. Aber der Reihe nach…

Ich stehe an einem Punkt in meinem Leben, an dem es viele Entscheidungen für die Zukunft zu treffen gilt. Das macht mir manchmal ganz schön Angst, weil ich vorher nie weiß, ob es die richtige Entscheidung ist, die ich treffe. Dennoch habe ich sehr klare Vorstellungen von dem, was ich will, wohin ich will und vor allem, wie ich es erreichen will.

Richtungswechsel

Es geht um eine totale berufliche Richtungsänderung. Weg vom drögen Bürojob und hin zu dem, was ich liebe. Ich möchte etwas für Menschen tun und ihnen dabei helfen, ihr Leben ein kleines bisschen besser zu machen. Das tue ich mit Hilfe veganer Ernährung. Ernährung allgemein ist ein unfassbar spannendes Thema und betrifft jeden von uns. Die Eine oder der Andere wird jetzt innerlich aufstöhnen und denken: „Noch so eine Umwelttante, die uns unser Essen madig machen will“. Keine Angst, über diese Phase bin ich schon hinweg. Mit der Einstellung bin nur gegen Wände gerannt und keinen Millimeter weiter gekommen.

Deshalb habe ich mir ein Konzept überlegt, wie ich dennoch meine Liebe und Begeisterung an Menschen weitergeben kann, die am Veganismus interessiert sind, aber keine Lust haben, sich durch endlose Webseiten, Artikel, Rezepte, Bücher und Filme zu quälen. Unter anderem habe ich dazu nebenberuflich ein 15-monatiges Studium für vegane Ernährung begonnen, um dem Ganzen eine solide Grundlage zu geben.

Zudem sind bereits feste Coachings für Marketing und Persönlichkeitsentwicklung gebucht. Alles Dinge, bei denen ich keinen Rückzieher mehr machen kann und will. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Versuchung riesengroß ist, mal eben schnell wieder aufzugeben, wenn es ungemütlich wird. Ganz nach dem Motto: Ging ja vorher auch ohne…. Deshalb habe ich dieses Mal vorgesorgt, sozusagen als Schutz vor mir selbst.

Erwischt

Und doch hat sie mich erwischt, die allzeit gefürchtete Aufgeberitis. Das liest sich wie eine Krankheit und das ist es auch. Eine ganz schlimme noch dazu, weil es die Träume, Visionen und Wünsche der Menschen befällt wie ein Virus und diese gnadenlos zu Fall bringen kann. Hat man sich dagegen nicht ausreichend vorher geimpft ist es fast unmöglich, ihr nicht zum Opfer zu fallen.

Ich habe wohl einen entscheidenden Fehler gemacht, einen Tag zuvor. Ich habe genau das gemacht, was ich meinen zukünftigen Kunden ersparen will. Um mir einen Überblick zu verschaffen, wie der deutschsprachige Raum und Markt für Veganismus aussieht habe ich mich stundenlang durch endlose Webseiten, Artikel, Rezepte, Bücher und Filme gequält. Danach war ich zwar schlauer, habe mir dabei aber unbemerkt den Aufgeberitis-Visus mit eingefangen. Ich war den ganzen nächsten Tag zu nichts in der Lage, meine Motivation war weg, einfach ausgelöscht.

Was war passiert?

Beim sondieren des Marktes habe ich super professionelle Webseiten, tolle Angebote, E-Books, Bücher, Broschüren, tausende Produkte in sämtlichen Varianten und sehr erfolgreiche Vegan-Experten gefunden, die schon lange am Markt sind. Ich war begeistert von all den Möglichkeiten, die sich da vor mir auftaten und war beeindruckt, wie groß der Markt für diese einstige Nische bereits ist.

Mein Unterbewusstsein und besonders mein Ego haben genau DAS registriert. Mittlerweile weiß ich, dass mein Ego immer dann gegen mich schießt, wenn ich etwas Neues ausprobiere. Es will mich dann immer zurück halten, weil der Status quo in Gefahr ist. Und das mögen Egos ganzen und gar nicht. Egos tun alles dafür, den Status quo zu erhalten und verteidigen ihn mit allen Mitteln.

Wenn es um Veränderungen geht, ist mein Ego auch eins von dieser miesen Sorte. Deshalb zog es alle Register und legte richtig los. Das hört sich dann ungefähr so an:

„Wie willst du gegen all diese Heros antreten? Was hast du schon zu bieten? Du stehst ganz am Anfang und wirst niemals in deren Liga mitspielen! Das sind alles Profis und du bist nur ein kleines Licht. Es gibt schon alles, fang gar nicht erst an. Spar dir die Mühe, deine Zeit und dein Geld und geh spielen….“. So ging das eine ganze Weile und ich wurde innerlich immer kleiner.

Arschloch Ego

Was für ein Idiot das Ego doch sein kann. Und genau das hat mich fertig gemacht, hat mir zugesetzt, mich klein gemacht und mich mies fühlen lassen. Fast hätte ich mir auch noch geglaubt oder besser gesagt, meinem Ego. Wir kommen manchmal an einen Punkt, an dem wir alles infrage stellen. An diesem Tag hätte ich am liebsten alles hin geschmissen und mich wieder in mein Schneckenhaus verkrochen. Dort ist es sicher, da kann mir keiner was. Ich muss mich nicht mit Hochglanz-Webseiten und einer bereits perfekt inszenierten Vegan-Welt messen. Dort bin ich vor möglichen Rückschlägen sicher, denn ich riskiere nichts mehr.
Geht das Leben eben ohne weiter, es mir egal. Ist auf jeden Fall bequemer, als sich so viel Stress zu machen und das auch noch freiwillig.

Das all die Profis auch mal irgendwann mit nichts gestartet sind, dass die genau solche Zweifel hatten und mit Sicherheit tausende Probleme meistern mussten, dass Zeit, Geld, Tränen und Schweiß ihren Weg begleitet haben bis alles so perfekt war, habe ich in diesem Moment nicht gesehen. Dafür war ich blind.

Die Macht der Gedanken

All diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, ich war fertig mit der Welt. Dabei waren es bisher tatsächlich „nur“ Gedanken. Nichts war bisher wirklich passiert, alles nur reine Fantasie, Vorstellungen und eben Gedanken. Einzig und allein nur in meinem Kopf.

Gedanken sind mächtig. Sie können eine mühsam aufgebaute Vision binnen Sekunden völlig zerstören und wie ein lächerliches Kartenhaus zusammen brechen lassen. Damit sabotieren und manipulieren wir uns in höchstem Maße selbst. Wir versetzten uns selbst in eine Art Starre und lassen uns völlig handlungsunfähig werden. So ein Gedanken-Orkan kann uns um Längen zurück werfen. Im schlechtesten Fall geben wir auf und lassen unser Ziel, unsere Träume einfach platzen. Zurück bleiben nur noch Selbstzweifel und die Bestätigung, versagt zu haben. Eben doch nicht gut genug, zu schwach, zu klein, zu dumm, etc. zu sein. Das nennt man dann wohl die selbst erfüllende Prophezeiung.

Alles muss raus

Da hilft nur eins. Ausmisten, und zwar radikal. So wie man einen Schrank, voll mit alten Klamotten ausmistet, genauso müssen schlechte Gedanke aus dem Kopf. Nur noch die Guten bleiben drin. Denn diese sind unsere Verbündeten. Sie machen uns Mut und bestärken uns weiterzumachen, nicht aufzugeben, dran zu bleiben und durchzuziehen. Und alles, wirklich alles zu geben. Dann hat die Aufgeberitis keine Chance mehr, die Viren können so nicht überleben.
Das ist leichter gesagt als getan, wenn man mitten im Dilemma steckt. Ich kann davon ein Lied singen. Negative Gedanken sind hartnäckig. Sie sind wie Klebstoff, die wie alter zäher Gummi an einem kleben.

Aber es hilft nichts. Was sich nicht gut anfühlt und nicht mehr passt, muss raus. Ohne Kompromisse, ohne Wenn und Aber, ohne Hintertür. Wie sonst sollen all die positiven Gedanken bei dir einziehen, wenn alles zugestopft ist mit Dreck und Müll? Da fällt mir das Wort Gedankenhygiene ein. Ein passendes Wort, was ich irgendwo aufgeschnappt habe.

Es geht auch anders

Manchmal geht es aber auch anders. Wenn man Glück hat, kommt jemand und sticht mit einer großen Nadel in so einen aufgeblasenen Gedankenballon hinein und bringt ihn zum platzen. Wie in meinem Fall.

Meine Mama war, wie fast jeden Tag, bei meinem Dad. Er lebt in einem Pflegeheim, ganz in unserer Nähe. Er kann nur wenige Schritte am Stück gehen, deshalb sitzt er die meiste Zeit im Rollstuhl. Das war am Anfang für uns alle schwer, da er immer wahnsinnig gerne stundenlang gewandert ist. Seine Demenz bewahrt ihn davor, sich daran zu erinnern und Trübsal zu blasen. An diesem Tag hat mir meine Mama ein 30 Sekunden Video von meinem Dad geschickt. Diese 30 Sekunden haben ausgereicht, um meinen riesen Ballon platzen zu lassen.

Schritt für Schritt

In dem Video war zu sehen, wie mein liebster Papa langsam einen Fuß vor den anderen gesetzt hat und gelaufen ist. Ganz allein und ohne Hilfe. Was für eine großartige Leistung das für ihn ist. Ich war so gerührt, als ich das gesehen habe. In diesem Moment brach die gesamte Anspannung aus mir raus. Ich konnte den Knall förmlich hören, als der Ballon platzte.

Tränen kamen und mit ihnen ist der ganze Druck aus mir heraus geflossen. Das, was für die meisten von uns selbstverständlich ist, nämlich laufen zu können, ist für ihn eine kleine Sensation. Er hat sogar dabei gelächelt und in die Kamera gewunken. Und ich mache mir den ganzen Tag Gedanken über unendlich viele, nicht existente Probleme und schnüre mir damit die Luft ab. Was für eine Verschwendung kostbarer Lebenszeit.

Echte Probleme

Wenn du nicht mehr laufen kannst, ist das ein echtes Problem.
Wenn du nicht mehr weißt, wer du bist, weil sich die Demenz in dir breit macht, ist das ein echtes Problem. Wenn du die einfachsten Dinge, wie Essen oder zur Toilette gehen nicht mehr kannst, ist das ein echtes Problem.

Die allermeisten Dinge, die wir für Probleme halten, sind keine echten Probleme. Oft werden sie nur als Vorwand von uns allen missbraucht, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Vor allem dann nicht, wenn irgendwas schief gehen könnte. Es ist immer einfacher, die Schuld nicht bei sich zu suchen, alles als Problem zu sehen und die Umstände dafür verantwortlich zu machen. Auch das kenne ich nur zu gut.

Mein Dad hat mir in diesen 30 Sekunden gezeigt, was wirklich zählt im Leben. Er ist einfach seinen Weg gegangen, Schritt für Schritt. Von der ersten Etage bis runter in die Cafeteria zum Kaffee trinken.  Und genau so mache ich das jetzt auch. Ich gehe meinen Weg einfach weiter, ohne ständig nach links und rechts oder gar nach hinten zu sehen. Das lenkt mich nur ab und beeinflusst mich. Im schlimmsten Fall macht es mir Angst und lässt mich an mir selber zweifeln. Wenn du dich ständig mit anderen vergleichst, kannst du nur verlieren, denn irgendwer ist immer besser als du.

Die größte Gefahr sind wir selbst

Niemand hat das Recht, uns unsere Ziele und Träume kaputt zu machen. Am allerwenigsten wir selbst. Wir sind für uns die größte Gefahr in diesem Spiel, denn mit unserer Einstellung zu uns selbst steht und fällt alles im Leben.

Wenn niemand an uns glaubt, wenn scheinbar die ganze Welt gegen uns ist, dann müssen wir selbst an uns glauben. Wenn wir es nicht tun, warum sollten es dann andere tun? Das sind wir uns schuldig. Wir sind geradezu verpflichtet, hinter uns zu stehen und uns selbst zu beschützen. Denn nichts fühlt sich schlimmer an, als sich selbst im Stich zu lassen. Das dürfen wir nicht zulassen, das kommt einem Verrat sich selbst gegenüber gleich. Ich mache es wie mein Dad, ich gehe einfach weiter, immer weiter. Egal wie lange es dauert. So lange, bis ich angekommen bin.

Ich freue mich wieder auf die Zukunft. Denn eins ist ganz sicher. Jeder Profi hat irgendwann mal angefangen. Mit einem einzigen Schritt. Und das macht mir jede Menge Mut.

Unser Leben ist das Produkt unserer Gedanken
Marcus Aurelius

2 Kommentare

  1. Hallo liebe Sandra,
    ich weis das Du Alles schaffen kannst aus einem einfachen Grund – Du bleibst dran und Du fragst nicht was falsch läuft sondern wie es noch besser schöner und leichter erreicht werden kann. Du hast jetzt schon viele Strukturen erkannt die Dich klein und unbedeutend halten wollen und mit dieser Erkenntnis hast Du sie endmachtet.
    In Fallen läuft man nur wenn man sie nicht erkennt und das es schon andere Menschen geschafft haben „Deinen“ Weg zu gehen heißt das Du schon aus deren Fehlern lernen kannst. Die haben den Pfad in den Dschungel schon geschnitten
    und Deine zukünftigen Kunden schon mit dem Thema in Berührung gebracht.
    Es wird also eigendlich einfacher, denn eines ist klar ein Kunde sucht sich immer den Coach/Lehrer den er am symphatischsten findet. Es wird also eine Frage des findens und der Begeisterung sein, denn das Wissen und die Erfahrung sind ja schon da. Wenn Du es schaffst die Begeisterung jeden Tag egal wie besch.. er vieleicht auch anfängt aufrecht zu erhalten kann Dich Nichts mehr stoppen.

    Viel Begeisterung und Freude
    Monika

    1. Liebe Monika,
      ich danke dir von ganzem Herzen. Deine Worte haben mich echt berührt und geben mir Mut, eben doch immer wieder aufzustehen und weiter zu gehen.

      Tausend Dank an Dich
      Sandra

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