Verstand aus – Herz an

  • Stell dir vor, du schaltest deinen Verstand ab und lebst und entscheidest einen ganzen Tag lang nur aus deinem Herzen heraus.

Wie fühlt sich das an? Wie sieht das wohl aus? Geht das überhaupt und wie mache ich das? Als mir die Idee zu diesem Artikel gekommen ist, habe ich mir genau diese Fragen gestellt. Mit Schrecken habe ich im gleichen Atemzug festgestellt, dass ich all die Fragen nicht beantworten kann.

Keine Ahnung

Ich bin nicht in der Lage, so einen Tag wirklich ehrlich zu beschreiben und das verursacht kein angenehmes Gefühl in mir. Ich müsste tatsächlich so tun als ob ich Ahnung hätte und viel dazu dichten um den Eindruck zu vermitteln, ich hätte solche Tage schon erlebt.  Eine leise Stimme in mir sagt: „Du kennst solche Tage nicht, deshalb kannst du sie nicht beschreiben“.

Dafür kann ich sofort einen Tag in meinem Leben beschreiben, wie er fast jeden Tag abläuft. Der von Verpflichtungen, Regeln, Vorschriften, Anweisungen, festen Uhrzeiten und vorgegebenen Orten, handelt – Alltag eben.

Mich macht das traurig, als mir so richtig bewusst wird, nicht zu wissen, wie ein Leben aus vollem Herzen heraus aussehen würde. Das zeigt mir, dass ich jeden Tag nicht so lebe, wie ich es gerne möchte. Das gibt mir das Gefühl, nicht das eigene Leben, sondern ein anderes Leben zu leben. Ein Leben, was zwar ganz ok ist, aber eben auch nicht mehr.

Angst

Die Angst, das Leben irgendwie zu verschwenden, weil wir uns nicht trauen, so zu leben, wie wir gerne möchten, wird mit den Jahren immer stärker. Warum tun wir nichts dagegen? Warum lassen wir das zu?

Wir sind fühlende und emotionale Wesen. Jeder Mensch wird mit einem Herzen geboren. Die Hardware ist damit bei jedem Menschen auf der Welt von Geburt an vorhanden. Warum ist es dennoch für die meisten von uns so schwer, aus dem Herzen heraus zu entscheiden und danach zu leben?

Wir wissen es nicht

Die Antwort ist recht einfach. Wir lernen es nicht. Oder besser gesagt, wir verlernen es. Dabei werden wir alle mit diesen Fähigkeiten geboren. Bei Kindern können wir das beobachten. Sie leben immer im Hier und Jetzt und entscheiden ganz intuitiv. Ihre Bedürfnisse sagen ihnen, was sie gerade brauchen, was sie wollen und was nicht. Sie wissen genau, wen sie mögen und wen nicht. Sie hinterfragen dabei nicht, sie machen einfach. Spätestens in der Schule ist Schluss damit. Hier geht es nicht mehr um Bedürfnisse, sondern um Fakten.

Es gibt Lehrpläne mit unendlich viele Aufgaben und festgeschriebenen Antworten im Laufe der Schulzeit zu lösen. Dort ist für Intuition, Bedürfnisse und Gefühle wenig Platz.

Das Leben ist ganz ok

Und so lernen wir mit dem Verstand zu entscheiden. Wir beachten Fakten, Vorgaben und Regeln und richten uns so auch unser ganzes Leben ein. Mit der Zeit verlieren sich die angeborenen Fähigkeiten leider bei ganz vielen Menschen. Nur wenige schaffen es, sich dagegen zu wehren. Der Preis dafür ist oft hoch, denn sie müssen immer gegen den Strom schwimmen. Und das kostet Kraft, Ausdauer, Mut und Durchsetzungsvermögen.

Die meisten von uns passen sich irgendwann dem Strom an und leben ein Leben, was eben ganz ok ist.

Und das in einer Welt, in der uns alles offen steht, in der alles möglich ist. Es gibt die besten Bedingungen und Voraussetzungen für uns. Nahrung steht uns im Überfluss zur Verfügung, Bildung und medizinische Versorgung sind jederzeit kostenlos zugänglich. Ein absolutes Privileg, welches es in den meisten Teilen der Welt so nicht gibt.

Keine Garantie

Dennoch scheint das kein Garant dafür zu sein, als glücklicher Mensch sein Leben auf dieser Welt leben zu können. Denn für all das gilt es eben doch einen Preis zu bezahlen. Wie sonst sollen wir uns die vielen unglücklichen Menschen in unserer Gesellschaft erklären? Warum zählen Depressionen und Burnout mittlerweile zu den Volkskrankheiten bei uns. Wieso haben so viele Menschen innerlich schon lange aufgegeben und sehen das Leben eher als Kampf? Wieso flüchten so viele Menschen jeden Alters immer wieder in Drogen jeglicher Art?

Weil all diese Menschen aus dem Herzen heraus leben? Wohl kaum….

So viele Menschen schleppen wahnsinnig viel Ballast mit sich herum. So viele Menschen können ihre Wirklichkeit nicht ertragen. Sie müssen flüchten, in was auch immer, um sich selbst davor zu schützen.

Vielleicht hat es tatsächlich etwas damit zu tun, dass wir zwar jeden Tag tausende Entscheidungen treffen, dass jedoch fast immer Entscheidungen auf Verstandsebene sind. Die meisten von uns leben ein ganz normal eingerichtetes Leben mit Job, Familie und Verpflichtungen. Daran ist nichts falsch. Das ist völlig ok, versteht mich da nicht falsch.

Ist das alles?

Und dennoch spüren viele eine latente Unzufriedenheit, weil sich vielleicht die eigenen Bedürfnisse im Laufe des Lebens geändert haben. Passen diese neuen Bedürfnisse nicht mehr in das selbst eingerichtete Leben hinein, werden wir zunehmend unzufriedener. Vor allem dann, wenn wir glauben, nichts an unserem Leben ändern zu können.

Eigentlich schweife ich vom Thema ab. Ich kann nicht über das schreiben was im Titel steht. Ich kann es einfach nicht, weil ich selber nicht viel darüber weiß. Ich kann es nur erahnen. Das finde ich schmerzlich, ist aber immerhin ein erster Schritt.

Leider könnte ich umso mehr über all die negativen Dinge in unserer Welt schreiben, weil sie mir viel vertrauter sind. Jeden Tag lesen und hören wir unendlich viel darüber in den Medien. Irgendwann ist es uns zwangsläufig vertraut, selbst dann, wenn wir nicht direkt von etwas betroffen sind. Das finde ich nicht richtig denn es zeichnet ein falsches Bild von der Welt.

Schlechte Welt?

Ich glaube daran, dass die Welt nicht so schlecht ist, wie sie immer dargestellt wird. Denn es gibt immer zwei Seiten. Nur ist es in unserer Gesellschaft zur Gewohnheit geworden, immer nur die eine Seite zu betrachten und das für die einzige Wahrheit zu halten. Es ist kein Wunder, das unsere Welt von so vielen Menschen als unsicherer, ungerechter und schlechter Ort wahrgenommen wird.

Es gibt Elend, Krieg, Hunger und unmenschliche Katastrophen auf dieser Welt, gar keine Frage. Aber unsere Welt besteht nicht nur daraus. Unser Planet ist ein Wunderwerk mit einer einzigartigen Natur. Mit großartigen Landschaften, unglaublich vielen Tier- und Pflanzenarten, wunderschönen Städten, vielen unterschiedliche Kulturen und riesengroßen Ozeanen voller Geheimnisse. Noch heute wissen wir nicht wirklich, wie all das entstehen konnte.

Gute Welt?

Es gibt neben all dem Schlechten auch so viel Gutes auf dieser Welt, nur wird darüber nicht so oft berichtet.

Wenn man positive Nachrichten sucht findet man sie auch, besonders im Internet. Und es gibt sie tatsächlich in Form von Berichten, Artikeln, Beiträge und Filmen aus aller Welt. Ich habe so viel Neues gelernt, seitdem ich gezielt danach suche.

Es ist wirklich eine Schande, dass darüber so gut wie nichts in den gängigen Breitemasse-Medien, gezeigt wird. Ich glaube nicht, dass die Menschen immer nur negative Schlagzeilen über Gewalt, Drogen, Krankheiten, Hass und Krieg hören und lesen wollen.

Sie haben sich im Laufe der Zeit nur daran gewöhnt, weil fast nur darüber berichtet wird. Vermutlich treibt es die Einschaltquoten höher….

An das Positive im Leben glauben daher viele Menschen schon lange nicht mehr. Sie sind alle voll mit Negativität.

Deshalb ist es so wichtig auch die andere Seite der Welt zu kennen, denn es geschehen nicht nur schreckliche Dinge auf dieser Welt, sondern auch so viele unglaublich wunderbare und schöne Dinge. Die haben es mindestens genau so verdient, erwähnt und in die Welt hinaus getragen zu werden denn jeder von uns kann positive Nachrichten gebrauchen.

Mehr noch, es sollte wieder selbstverständlich werden, sich nicht nur auf die negativen Dinge zu konzentrieren, sondern auch all das Positive um uns herum wieder mehr wahr zu nehmen. Das macht die Welt für jeden von uns ein kleines Stück besser.

Noch immer keine Antwort

All meine Gedankengänge können wir zwar nicht meine Fragen nach einem Leben aus dem Herzen heraus beantworten, aber immerhin hat sich mein Fokus wieder etwas „begradigt“. Versteht mich nicht falsch, ich habe kein schlechtes Leben, ganz im Gegenteil. Ich habe eine tolle Familie um mich herum, einen Job, eine schöne Wohnung, Auto, eben alles was wir uns so aufbaut haben.

Es ist alles geregelt, weitestgehend abgesichert und alles läuft in geordneten Bahnen. Und genau an dieser Stelle spüren ich eben doch einen Widerstand in mir. Denn alles ist vorhersehbar und nur wenig Platz für Spontanität, mal raus aus dem Alltag, mal was Anderes machen, mal wieder das Leben so richtig spüren und schauen, was noch alles möglich ist.

Allzu oft treffen wir dann doch wieder Verstandsentscheidungen, weil sie gerade vernünftiger erscheinen, oder weil gerade keine Zeit dafür ist, oder kein Geld vorhanden, oder weil es vom Umfeld so erwartet wird oder, oder, oder…… Und genau hier können und müssen wir ansetzen, wenn es nicht so bleiben soll.

Kleine Schritte gehen auch

Wir müssen ja nicht alle gleich die Welt einreißen, wobei ich persönlich manchmal dazu große Lust hätte. Auch schon ganz kleinen Änderungen oder Entscheidungen im Alltag reichen dazu aus.

Das können ganz normale Dinge sein, wie z.B. mitten aus einem Kinofilm rauszugehen, weil er dir absolut nicht gefällt. Der Verstand sagt: „Jetzt haben wir bezahlt, also bleiben wir auch sitzen bis zum Ende“. Das Herz sagt: „Der Film gefällt mir nicht, lass uns gehen und lieber was anderes machen“.

Viele bleiben bis zum Ende sitzen und sagen anschließend: „Was für ‘n scheiß Film“. Dann wird sich drüber aufgeregt und der Abend ist gelaufen, weil man etwas anderes erwartet hat.

Du wirst schnell merken, was für ein geiles Gefühl das ist, wenn du einfach mal machst was du wirklich gerade möchtest. Ein bisschen Vertrauen in sich selbst gehört dazu. Das fällt mir z.B. nicht immer leicht. Aber es lohnt sich bei jedem einzelnen Mal, denn du entscheidest für und nicht gegen dich. Und es macht unglaublich viel Spaß, das mehr und mehr auszuprobieren und hier mutiger zu werden.

Denn das Leben soll auch neben all den Verpflichtungen jede Menge Spaß machen. Wozu rackern wir uns sonst ab?

Ich werde wieder viel mehr auf mein Herz hören und mutig Entscheidungen treffen. Auch wenn mir das jede Menge Angst macht.  Aber es reizt mich sehr zu wissen, wie es ist, mein Leben umzugestalten, mit Entscheidungen, die direkt aus meinem Herzen kommen.

 Und dann kann ich eines Tages auch all die Fragen beantworten.Z

Der Verstand kann uns sagen, was wir unterlassen sollen. Aber das Herz kann uns sagen, was wir tun müssen.


Joseph Joubert


3 Kommentare

  1. Wow😍, Sandra. Super geschrieben 👏Du berührst mein Herz und bringst mich zum Nachdenken. Denke oft an dich unsere gemeinsamen Gespräche und Unternehmungen. Mit dir an meiner Seite würde ich jederzeit im Kino aufstehen und gehen. Gemeinsam macht und erreicht man so viel. Nur leider fehlt vielen aus meinen Umfeld der Mut zu den zu stehen,was einen berührt und es aus zusprechen. Man passt sich an und behält seine Meinung für sich. Und das in einer Welt in der heutigen Zeit wo jeder eine Meinung haben kann und sie auch frei äußern kann. Wir stimmen in der Schweiz ab,aber keiner traut sich in der Öffentlichkeit frei zu sprechen. Es gibt viel zu wenige Diskussionen. Im Berufsleben entscheiden andere für einen und nicht die die es betrifft. Wert man sich ,sagt etwas,macht seinen Herzen Luft hat es Konsequenzen 🙈 Dich eins weiss ich alles was von Herzen kommt ist gut und fühlt sich so an.😏👍😘

    1. Liebe Claudia, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freu mich sehr darüber und ich denke auch oft an uns zurück. Und jemanden zu finden, der auch noch mit einem zusammen im Kino aufsteht findet man nicht oft 😘. Gemeinsam ist man immer stärker und es macht mehr Spaß. Das mit dem Mut ist so eine Sache. Frei zu denken ist die eine Sache, es auszusprechen, danach zu handeln und zu leben ist eine ganz andere Sache. Was sich so einfach anhört ist in der Praxis eine riesen große Herausforderung. Da hast du leider völlig recht. Bei vielen Menschen ist die Angst vor Konsequenzen größer also davor, wirklich zu sich zu stehen. Das ist bei mir nicht anders, aber ich möchte das unbedingt ändern, Schritt für Schritt, in winzigen Schritten…In unserer Gesellschaft ist das auch nicht so einfach. Du musst schon ein dickes Fell haben um dem Gegenwind stand zuhalten, der dir dann entgegen weht. Und dennoch lohnt es sich bestimmt, ein Versuch ist es allemal wert. Ich bin sehr gespannt, wie sich das anfühlt.

      Liebe Grüsse, Sandra

      1. Dein Buch.

        Es ist ein sehr inspirierendes und zum Teil aufwachendes Buch. Sehr schön.

        Rational sind wir uns den meisten Punkten von dir bewusst. Aber emotional machen wir uns das viel zu wenig bewusst im Alltag glaube ich. Klar sollten wir z.b. uns viel öfter bewusst machen in welcher guten Wohlstandsgesellschaft wir heute leben und wie viel Glück dadurch wir schon haben im Gegensatz zu anderen Menschen…

        Viel Erfolg!

        Sebastian T.

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