Unerwartete Hindernisse und Erdbeeren

  • Kennst du das? Du sitzt in der Bahn oder irgendwo anders, willst nur noch deine Ruhe haben, hattest einen anstrengenden Tag und willst nur noch nach Hause. Niemanden mehr sehen und noch weniger hören.
  • Alles um dich herum nervt dich. Die Menschen, der Lärm und du dich selbst am meisten.
  • Und dann platzen da ein paar Menschen in deine Welt hinein, die das ganz anders sehen und darauf pfeifen.

Endlich frei

Schon lange habe ich mich auf meinen freien Tag gefreut, den ich dieses Mal ganz allein für mich reserviert hatte. Ich hatte eine genaue Vorstellung, was ich gerne machen wollte und mir einen entsprechenden Plan überlegt. Einen ganzen Tag lang nur für mich ganz alleine ist etwas ganz Besonderes. Denn meistens packen unerledigte Dinge in solche Tage hinein, für die sonst kein Platz ist und stopfen damit diese wertvolle Zeit komplett zu. Für uns selbst bleibt am Ende nichts übrig, außer genau so erschöpft zu sein, wie an einem ganz normalen Arbeitstag. Das wollte ich vermeiden und den Tag in vollen Zügen genießen.

Los gehts

Morgens gegen neun Uhr ging es los. Mein erstes Ziel war die wunderschöne Unterwasserwelt im Aquarium in Berlin. Ich liebe diesen Ort. Er ist das Tor zu einer ganz anderen Welt. Stundenlang kann ich zwischen den riesigen Aquarien sein und deren Bewohner beobachten.

Ich war schon eine ganze Weile versunken an diesem magischen Ort als mich ein unsanfter Schmerz plötzlich aus meiner schönen Blase zurück in die Wirklichkeit riss. Ich wusste sofort was los war. Bitte nicht, dachte ich. Daran hatte ich ja so gar nicht mehr gedacht. Die Erdbeerwoche kündigte sich an. Falls hier Männer mit lesen, damit ist die Monatsblutung gemeint, um das Kind beim Namen zu nennen.

Der Plan wackelt

Das passte so gar nicht in meinen Plan. Zudem war ich natürlich absolut nicht darauf vorbereitet, weil sich dieses unliebsame Ereignis ja auch nur jeden Monat wiederholt.

Wir Frauen kennen das, der Schmerz wird größer, kein entsprechendes Material dabei, die Laune dahin und der Frust wächst. Eigentlich wollte ich nur noch nach Hause, um mich dort zu verkriechen mit einer Decke, einem Tee, einer Wärmflasche auf dem Bauch und einer Mieze neben mir. Das hilft bei mir fast immer. Tiere haben magische Fähigkeiten, finde ich, und können einem in solchen Momenten Trost und Liebe spenden.

Nicht aufgeben

Ich wollte aber nicht so schnell meinen schönen Tag aufgeben und habe versucht, den Rest des Aquariums zu genießen. Aber es war einfach nicht mehr dasselbe. Ich habe leider das Pech, auch schon mal handfeste Krämpfe aushalten zu müssen. Mutter Natur hat sich bestimmt irgendwas dabei gedacht, aber auch ich habe Grenzen. Wenn gar nichts mehr geht, muss eine Schmerztablette her. Genau die hätte ich gebraucht. Aber nichts da, weit und breit keine in Sicht.

Oder besser doch?

Ich sah meinen Tag davon schwimmen, er war dahin, unwiederbringlich zerstört. Also bin ich zurück zur Bahn mit dem Ziel, nach Hause zu fahren und mich selbst zu bemitleiden. Wenig später saß ich im Zug, eingehüllt in einer Wolke aus Selbstmitleid und Schmerz und war bereit, mich meinem selbstgewählten Schicksal zu ergeben.

Dazu kam es jedoch nicht. An irgendeiner Haltestelle stiegen fünf junge Männer ein. Jeder hatte ein Instrument dabei. Mein erster Gedanke war: „Nein, bitte nicht, dass jetzt auch noch. Lasst mich in Ruhe, mein Tag heute ist gelaufen“. Mein Ego plusterte sich zu seiner vollen Größe in mir auf und spielte den Jammerlappen.

Rettung naht

Die fünf standen etwa zwei Meter von mir weg und fingen an zu spielen und zu tanzen sobald sich die Bahn wieder in Bewegung gesetzt hatte. Die Lautstärke war dabei so laut, dass mir gefühlt fast die Ohren vom Kopf flogen. Ich war darüber verärgert denn ich fand es eine Frechheit, so einen ohrenbetäubenden Krach zu machen, wo ich doch gerade noch tiefer in mein Selbstmitleid versinken wollte. Das geht nämlich schlecht, wenn um dich herum der Bär steppt. Aber ganz egal wohin ich gegangen wäre. Es war einfach zu laut und während der Fahrt aussteigen geht ja schlecht. Also beschloss ich, alles um mich herum zu ignorieren und das Ganze auszusitzen. Ich versuchte so zu tun, als ob die fünf gar nicht da wären und ich nichts sehe und höre.

Magie

Und dann passiere etwas Wunderbares. Ich musste lächeln. Gegen meinen Willen musste ich plötzlich lächeln. Das ist so, als ob jemand unsichtbares deine Mundwinkel einfach nach oben zieht.  Es ging nicht anders, ich musste einfach lächeln angesichts der fünf. Diese Jungs haben so viel Lebensfreude, Leichtigkeit und Spaß verbreitet, ich musste einfach lachen. Ich wollte mich noch dagegen wehren und habe während des Lachens leicht mit dem Kopf geschüttelt aber irgendwas in mir war stärker.

Ich glaube mein Herz hat mich dazu gebracht. Mein Herz hat ganz genau erkannt, was gut in diesem Moment für mich war. Es hat meinem Egon einen Tritt verpasst und mich zum Lachen gebracht. Lachen produziert Glückshormone in Form von Endorphinen. Diese gelangen direkt in die Blutbahn, wir fühlen uns besser. Einer der Jungs hatte mein Lächeln mitbekommen und hat sich sichtlich gefreut darüber. Er hat daraufhin eine extra kleine Musikeinlage gespielt, was mich nur noch mehr zum Lachen brachte.

Die Sonne scheint wieder

So eine tolle Situation. Gerade war ich noch dabei in einem dunklen Loch zu verschwinden und dann kommen diese fünf Menschen daher und ziehen mich einfach wieder raus. Mir gegenüber saß eine Frau mit einem Buch, die es tatsächlich geschafft, keine einzige Miene zu verziehen, so als ob die Jungs gar nicht da wären und Lebensfreude pur laut in die Welt hinaus spielten.

Ich habe dieses schöne Gefühl so richtig genossen und mitgenommen. Noch Stunden später habe ich vor mich hingelächelt, weil ich es so schön fand, wie sich der Tag innerhalb weniger Sekunden doch so verwandeln kann. Ich bin ich förmlich durch die Straßen geschwebt, einfach, weil ich mich so gefreut habe.

Schöne Welt

Die Jungs hatten mir, ohne es zu wissen, meinen Tag gerettet. Ihre pure Lebensfreude hat mich einfach angesteckt. Ich bin an der nächsten Haltestelle raus, habe mir ein Notfallpaket in der Apotheke besorgt, an der nächsten Ecke was zu essen und dazu einen großen Coffe to go. Danach sah die gleiche Welt ganz anders aus. Ich konnte, wie geplant, in meinen Lieblings-Secondhand Laden gehen, danach in die größte Buchhandlung der Stadt und dann habe ich auch noch einen Film gefunden, den ich schon so lange sehen wollte.

Ich bin glücklich nach Hause gefahren, habe mich mit einer Decke, einem Tee, einer Wärmflasche, meinem neuen Film und meiner Miezen Freundin Dasy auf die Couch gekuschelt und den Film angesehen.

Auch jetzt habe ich wieder ein Lächeln im Gesicht während ich diese Zeilen schreibe. Die Erinnerung an die fünf Jungs habe ich abgespeichert und kann sie jederzeit hervorholen.

Ich danke euch

An euch fünf: Euch ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, was ihr bewegen könnt bei anderen Menschen. Bewahrt euch das unbedingt.  Das war eine tolle Erfahrung. Vielen Dank.

Was möchte ich euch mit dieser Geschichte sagen? Ganz einfach. Wir können die gleiche Situation ganz verschieden erleben. Wir können uns vielleicht nicht immer die Umstände aussuchen, aber wir können uns aussuchen, wie wir mit ihnen umgehen und wie wir darauf reagieren. Und manchmal hilft uns ein kleiner Anstoß von außen dabei.

Zitat
Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel anders setzten.
Aristoteles

2 Kommentare

  1. Jiep – wieder eine Geschichte so ganz aus dem Herzen heraus. Das ist soooo wahrhaftig und zeigt, dass weinen und klagen noch nie eine Situation verbessert hat.
    Spontan und ohne scheu einfach wie die Kinder Fröhlichkeit und Übermut teilen dagegen ist so ansteckend das es gleich eine ganz andere Lebensenergie macht.
    Wir lassen oft zu das wir wütend oder mißtrauisch werden – um wieviel schöner
    währe es wenn wir uns öfter trauen würden unser Herz zu öffnen und Unbeschwertheit zu teilen. Mir sind fröhliche „Verrückte“ immer lieber als kopfgesteuerte Gefühlsverweigerer die heute als normal gelten und ihre „Muffelenergie“ verbreiten.
    Einen fröhlichen Frühling für alle die sich Lachen und Singen trauen –
    Leute ihr rettet die Welt.

    1. Genau so ist es liebe Monika. Die Welt braucht viel mehr solcher Menschen, die es schaffen, anderen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

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