Wunder sind für alle da

Seit einigen Stunden wälze ich mich im Bett unruhig hin und her. Ich habe kein Zeitgefühl und weiß nicht wie spät es ist. Ein Blick zum Fenster verrät mir aber, dass es noch mitten in der Nacht sein muss oder ganz früh am Morgen. Irgendetwas hat mich aus dem Tiefschlaf geholt und in einen unruhigen Dämmerschlaf gleiten lassen. Ich bin zwischen der Schlaf- und der Wach Welt gefangen. Ein Zustand, in dem man noch nicht richtig da ist, das Bewusstsein aber schon arbeitet. In dieser Phase haben wir manchmal die wundersamsten Gedanken oder sehen außergewöhnliche Bilder oder haben abenteuerliche Ideen.

Chaos im Kopf

Mir gehen tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Nichts lässt sich richtig greifen. Alle fliegen wild durcheinander. Wie ein großes Knäul aus vielen wuselnden Gedankenfäden, die alle ineinander verschlungen oder verknotet sind. Ich versuche im Halbschlaf herauszufinden, was mich so beschäftigt, kann aber kein richtiges Problem einfangen. Stattdessen löst sich aus dem Wirrwarr ein Gedanke ganz von selbst und taucht in meinem Bewusstsein auf.

Ich habe spontan eine Idee für einen neuen Artikel für meinen Blog und wie ich diesen wirkungsvoll in Szene setzen könnte. Dieser Gedanke gefällt mir so sehr, dass ich aus dem Bett springe. Solche Ideen wollen sofort festgehalten werden, sonst verflüchtigen sie sich schnell wieder. In solchen Momenten ist es mir egal, wie früh oder spät es ist. Wach bin ich sowieso und so kann ich die Zeit wenigstens sinnvoll nutzen, als mir weiterhin den Kopf über nichts zu zerbrechen.

Nachtarbeit

Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass es ein Samstag Morgen ist. Ich habe alle Zeit der Welt und keinerlei Verpflichtungen, die mich zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort sein lassen müssen. Es macht mir aber auch nichts aus unter der Woche mitten in der Nacht zu schreiben. Ich habe schon ganze Artikel im Halbschlaf in die Memofunktion meines Telefons gemurmelt, um nicht den Text wieder zu vergessen.

Endlich habe ich wieder eine Idee für meine Texte, was mich sofort entspannter werden lässt. Das Gefühl möchte ich genießen und mache mir einen großen Kaffee. Das erste Licht des Tages macht sich langsam am Horizont bemerkbar. Man kann erkennen, dass es ein wunderschöner Herbsttag werden wird. Spontan habe ich noch eine Idee. Ich ziehe mir meinen Lieblingspulli und dicke warme Socken an und setzte mich mit meinem Kaffee auf unseren kleinen Balkon, der nach Osten ausgerichtet ist. Perfekt, um Sonnenaufgänge zu beobachten.

Ich liebe die Zeit am Morgen, wenn alles noch ganz ruhig und frisch ist. Alles ist noch ganz neu und unberührt. Kein Lärm überdeckt die leisen Naturgeräusche, kein Schmutz verdeckt die Farben der Welt. Alles wirkt rein und lebendig. Ich atme tief die frische Morgenluft ein.

Vorhang auf

Zwei große alte Kastanienbäume stehen direkt vor unserem Haus. Ihre Blätter färben sich bereits gelb und orange. Ich höre den Regen der Nacht von ihren Blättern tropfen. Die einzelnen Wassertropfen fallen berstend mit einem leisen Geräusch auf die Straße. In den Bäumen und um sie herum knackt es. Überall höre ich Vögel singen. Es ist als ob sie den Tag freudig begrüßen. Die ganze Welt ist mit frischem, reinen Tau überzogen. Gegenüber stehen mehrere Einfamilienhäuser. Ihre Dächer Glänzen im langsam heller werdenden Tageslicht. Aus einigen Schornsteinen steigen gemächlich dünne Rauchschwaden in den Himmel auf. Es ist absolut windstill, die Luft ist klar und rein.

Die letzten grauen Regenwolken ziehen unendlich langsam am bereits blauen Himmel entlang.

Die Sonne bahnt sich gelassen ihren Weg in unsere Welt. Sie beleuchtet die grauen Schleierwolken und lässt diese in einem zarten Rosa erscheinen. Ein einzelnes Flugzeug am Horizont fliegt durch diese wunderschöne Szene. Wie fantastisch der Sonnenaufgang wohl von dort oben aussehen mag.

Die reinste Freude

Alles wirkt so friedlich, so ruhig und so selbstverständlich.  Es gibt nichts, was diesen Moment stören könnte. Ich sitze ganz gebahnt auf meinem Stuhl und beobachte erstaunt diesen Morgen. Nie sind mir all diese kleinen Wunder aufgefallen. Noch nie habe ich mir die Zeit dafür genommen. Immer dachte ich, ich muss weit weg.  Irgendwohin ans andere Ende der Welt, um die Schönheit unseres Planeten und die Natur zu entdecken. Aber das stimmt nicht. Genau in diesem Moment spielt sich alles direkt vor meinen Augen ab.

Die Wolken werden mittlerweile von der Sonne in ein strahlendes Pink, Orange und Lila getaucht. Ein grandioses Farbenspiel entsteht. Durch das Sonnenlicht beginnt die noch feuchte Straße zu glänzen. Die Blätter in den Bäumen, Hecken und Sträuchern glitzern. In der Ferne steigen Nebelschwaden auf. Ein kleiner Schwarm Spatzen fliegt direkt vor mir durch all diese Farben. Fast hätte ich erwartet, dass sie alle mit bunten Federn aus diesem Bild wieder heraus fliegen. Eine kleine rote Katze schleicht auf der Straßenseite gegenüber ganz gemächlich zwischen den Büschen am Straßenrand umher. Sie scheint alle Zeit der Welt zu haben, nichts bringt sie aus der Ruhe.

Alles im Fluss

Überhaupt scheint alles um mich herum in Zeitlupe abzulaufen. Keine Spur von Eile, keine Spur von Rastlosigkeit. Alles läuft in völliger Harmonie ab. Alles scheint zu jeder Zeit genau richtig zu sein. Die Natur und der Morgen sind ein eingespieltes Team. Jeder weiß ganz genau, was er wann geschehen lassen soll. Es ist als wenn es nie anders war, und das war es nie. Ich habe absolut keinen Zweifel daran und fühle eine tiefe Natürlichkeit.

Für einen kurzen Moment unterbricht ein vorbeifahrendes Auto die Stille. Dann ist alles wieder ruhig. Die Sonne steigt schnell höher. Ständig verändert sich das Himmelsbild. Jetzt sind überall kleine getupfte Wolken zu sehen, die sich zu wundersamen Figuren formen. Es ist noch immer still, nur die Töne des Morgens sind zu hören. Das Licht der Sonne überdeckt jetzt alles. Ich kann nur noch mit vorgehaltener Hand nach oben schauen. Mit voller Kraft schickt sie uns Wärme und Leben für diesen neuen Tag.

Völlige Klarheit

Ich bin fasziniert von diesem Anblick mit seinem wundervollen Naturschauspiel und empfinde eine tiefe Ruhe in mir, wie ich sie nur selten fühle. Alles erscheint so leicht und selbstverständlich. All die vielen wirren Gedanken in meinem Kopf sind nicht mehr da. Ich sehe alles klar und deutlich vor mir. Nichts ist mehr kompliziert oder durcheinander. Alle Ängste haben sich in den Farben des Morgens aufgelöst. Dabei habe ich nichts weiter getan, als den Tag ganz in Ruhe mit mir und der Natur zu beginnen.

Dieses kleine Ritual werde ich jetzt öfter für mich machen. Dieser Schatz liegt direkt vor der Haustür und kostet mich nichts. Ich kann ihn jederzeit ausgraben, denn dieses Wunder geschieht jedem Tag aufs Neue.

Du kannst es auch. Probiere es einmal aus und lass dich verzaubern von dieser natürlichen Magie.

Ich fühle mich leicht und beschwingt und starte damit in den Tag hinein.

Wenn du am Morgen erwachst, denke daran, was für ein köstlicher Schatz es ist, zu leben, zu atmen und sich freuen zu können.

Marc Aurel (121-180), römischer Kaiser und Philosoph

1 Kommentar

  1. Ein so schöner Beitrag, der super schön geschrieben ist!
    Ich liebe diese Momente und empfinde sie, wie du, voller Leichtigkeit, Ruhe und im Flow.
    Alles ist dann einfach nur. Und alles, ist ok!

    Erst heute morgen habe ich für einen Moment den Himmel beobachtet und den Vögeln gelauscht, als ich gerade zur Tür rein wollte. Das sind die Momente, in denen wir so verbunden sind mit der Natur und alles, so wie es ist, perfekt und richtig ist.

    Lg Farina

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