Libellen im Feierabendverkehr

Nur noch wenige Meter trennen mich von einer anderen Welt. Ich stehe mit meinem Rad auf dem Mittelstreifen einer mehrspurigen Straße an einer roten Ampel und warte darauf, endlich diesen Höllenlärm hinter mir lassen zu können. Die Ampelphase ist so kurz, dass ich es nie schaffe, über alle 6 Spuren auf einmal zu kommen. Die Luft ist erfüllt von Abgasen. Ich versuche so wenig wie möglich zu atmen, um nicht das ganze Gift zu inhalieren. Mitten im Feierabendverkehr am späten Nachmittag sind alle Straßen hoffnungslos überfüllt. Wie eine große schwerfällige Riesenschlange bewegt sich die Blechlawine schleichend an mir vorbei.

Nach einer kleinen Ewigkeit springt die Ampel auf Grün und ich kann endlich diesen unwirklichen Ort verlassen. Ich weiß genau, wohin ich will. Ein paar kräftige Tritte in die Pedale bringen mich meinem Ziel schnell näher. Meine Vorfreude steigt immer mehr, denn ich weiß genau, was gleich passieren wird.

Zauberwelt

Nur 2 Minuten später ist von Weitem bereits ein großes schmiedeeisernes Tor zu erkennen. Es hat diese wunderschönen schnörkeligen alten Verzierungen, wie man sie nur aus dem Märchen kennt. Vom Tor aus führt ein breiter gepflasterter Weg hinauf zu einem rosa Schloss. Das Schloss hat mehrere Türmchen an den Seiten und eine breite geschwungene Treppe. Zu beiden Seiten des Weges stehen hohe alte Bäume. Mit ihren starken Ästen und dem dichten Blätterdach wirken sie wie mächtige Wächter.

Sobald ich das Tor erreicht habe steige ich von meinem Rad ab und trete ein. Schon nach wenigen Schritten ist alles anders. Sattes Grün empfängt mich überall. Mit jedem Meter wird der Lärm der Straße leiser, weil die Bäume ihn einfach verschlucken. Ich höre Vögel singen und sehe ein Eichhörnchen von Ast zu Ast springen. Überall sind üppige Blumenbeete gepflanzt. Bänke laden zum Verweilen ein. Ein Graureiher steht in einem kleinen Teich, der von dichtem Schliff umgeben ist. Schillernde Libellen fliegen durch die Luft, Schmetterlinge tanzen um die Wette.

Mit jedem Schritt atme ich die würzige Luft ein. Es riecht nach wilden Kräutern, Pilzen, Blumen und Blättern. Es ist bereits Herbst und die Blätter an den Bäumen haben sich bunt gefärbt. Ich laufe bis zum Schloss und setzte mich wieder auf mein Rad. Im Zeitlupentempo fahre ich los, um jedes Detail von diesem wunderschönen Ort in mir aufzunehmen. Ich fahre über einen Teppich aus roten, orangen und gelben Blättern, der den ganzen Weg überdeckt. Die Oktobersonne lässt die Farben in einem fantastischen Lichtspiel leuchten und ich kann nur staunen.

Sprechende Bäume

Auf meinem Weg komme ich an großen alten Bäumen vorbei. Manche scheinen bereits mehrere hundert Jahre alt zu sein. Ihre Größe und Präsenz beeindrucken mich immer wieder. Hier zeigt sich die Natur in seiner ganzen Stärke und Pracht. Jeder Baum sieht anders aus, jeder hat seine ganz eigene Geschichte. Ich wünschte mir, sie könnten sprechen. Was für Geschichten sie uns wohl erzählen würden….

Einer der Bäume hat es mir besonders angetan. Er steht direkt am Fuße des kleinen Weihers. Manchmal lege ich dort spontan eine Pause ein. Ich setze mich auf die Erde und lehne mich an den mächtigen Stamm des Baumes. Seine Rinde ist ganz knorrig und rissig. Überall um mich herum schwirren Käfer, Bienen, Fliegen und allerlei andere Insekten umher. In seinem Schatten kann ich stundenlang sitzen und lesen. Dieser Baum und dieser Ort verbinden mich direkt mit der Natur und mit mir selbst.

Aller Stress fällt von mir ab, meine Gedanke beruhigen sich. Ich fühle mich geerdet und angekommen. Es braucht nicht viel Zeit und in meinem Kopf entstehen mühelos neue Ideen. Ich brauche nichts weiter zu tun, als dort zu sitzen, zu atmen und zu sein.

Energietankstelle

Alles in diesem Park lädt meine Energiereserven binnen kürzester Zeit wieder auf. So muss sich wohl mein Handy fühlen, wenn es mit dem Turbo-Schnellladekabel geladen wird. Egal, wie kurz oder lange ich in dieser Umgebung bin, meine Akkus sind jedes Mal voll, wenn ich den Park wieder verlasse. Vollgepumpt mit Endorphinen könnte ich jedes Mal die ganze Welt umarmen.

Als ich weiterfahre komme ich an einer Gruppe Kinder und ihren Mamas vorbei. Sie sind vielleicht 3 oder 4 Jahre alt. Die Kleinen springen mit Anlauf und viel Geschrei in einen großen Blätterhaufen hinein. Ihre Freude dabei ist so ansteckend, dass ich nicht anders kann und lachen muss. Sie sind noch so unbeschwert und leben nur im Hier und Jetzt.

Weniger ist mehr

Bei diesem Anblick kommt mir der Gedanke, dass es eigentlich so wenig braucht, um glücklich zu sein. Ein Park, ein Baum, ein Teich oder ein Blätterhaufen können schon ausreichen. Alles Dinge, die auf den ersten Blick belanglos erscheinen. Und doch tragen sie für mich zum glücklich sein bei.

Vor einiger Zeit habe ich einen Film zum Thema Minimalismus angeschaut. Der hat mich ziemlich nachdenklich gestimmt. Wir haben so viele materielle Besitztümer in unserer Welt und sind dennoch nicht glücklich und zufrieden. Wir haben Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Uns steht die ganze Welt offen. Und doch irren so viele von uns umher. Ewig auf der Suche nach dem richtigen Job, dem richtigen Weg, dem richtigen Partner, dem richtigen Leben.

Wir vergleichen uns mit anderen Menschen und orientieren uns an ihnen. Dabei übersehen wir völlig uns und unsere ganz eigenen Bedürfnisse. Der Lebensplan anderer Menschen funktioniert für unser eigenes Leben nicht. Denn jeder hat sein ganz eigenes Lebensmuster. Versuchen wir uns in ein fremdes Muster zu drücken funktioniert das nur in den wenigsten Fällen auch für uns. Wir werden  mit der Zeit unglücklich.

„Alle Menschen um mich herum sind so glücklich, nur bei mir klappt es nicht“, denken wir dann. Wir fühlen uns innerlich immer leerer. Manche Menschen versuchen diese Leere mit materiellen Dingen zu füllen. Für eine kurze Zeit verspüren wir dadurch Trost. Immer auf der Suche nach Glück, Zufriedenheit und Liebe.

10.000 Dinge

Nach diesem Film kam mir der Gedanke, wie es wäre, selbst nur das zu besitzen was ich wirklich brauche und benutze. Warum sollten wir uns auch mit unnützem Ballast und Plunder belasten? Was im ersten Moment so einfach und einleuchtend klingt ist für die allermeisten von uns nicht die Realität. Unterschiedliche Quellen haben herausgefunden, dass jeder Deutsche ca.  10 000 Dinge besitzt. Diese Zahl finde ich fürs erste ziemlich gewaltig. Sieht man jedoch etwas genauer hin, könnte an dieser Zahl vielleicht doch etwas dran sein.

Ich hatte früher zwei riesige Schuhregale, die die gesamte Wand unseres Flures einnahmen. Darauf waren nur von mir mindestens 50 Paar Schuhe zu finden – auf nur einem Regal. Auf dem zweiten waren es nochmal ca. 40 Paar – wieder nur von mir. Der restliche Platz war für meinen Mann bestimmt. Mindestens 20 verschieden Jeans, zig Shirts, lange Pullover, Tops, Kleider, Röcke, Unmengen Socken, Jacken, Taschen, Mäntel, Schmuck usw. kamen dazu. Weiter geht’s mit dem Haushalt. Mehrere verschiedene Geschirr- und Besteck-Sets, unendlich viele einzelne Tassen, Gläser, Teller, Handtücher, Bettwäsche, Tischdecken, Fotos, Bastelzeug, Weihnachtsdeko, technische Geräte, Werkzeug, Schrauben, Batterien, Pflanzen, Haustiere, Kosmetik, Schmuck, Zeitschriften, Möbel, Autos, Fahrräder, Büroklammern, Brillen, usw. So sieht es bei den meisten von uns aus. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen.

Wachsende Berge

Der Verdacht liegt nahe, dass wir tatsächlich zu viele Dinge besitzen. Über die Jahre sammelt sich unbemerkt immer mehr an. Was wir nicht mehr brauchen verfrachten wir erstmal in den Keller oder auf den Dachboden. Beliebt sind hier vor allem Verpackungen und Kartons, die wir irgendwann vielleicht nochmal gebrauchen könnten. Damit ist es aus unserem Blickfeld raus und wir haben wieder Platz für Neues. Nur selten werfen wir etwas weg.  In Wirklichkeit jedoch wird der Berg immer höher hinter uns. Wir häufen mehr und mehr Ramsch an. Glücklich macht uns das natürlich nicht.

Es ist sehr befreiend, seine Kleiderschränke, seinen Keller, den Dachboden und überhaupt, seine Wohnung mal wieder so richtig auszumisten. Wenn wir ehrlich sind, brauchen wir vieles davon schon lange nicht mehr und schleppen es nur noch aus Gewohnheit von einem Umzug zum nächsten mit.

Frischekick

Wir machen das nicht mit Absicht. Die meisten von uns vergessen einfach, was alles schon lange irgendwo herumliegt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nach so einer Aufräumaktion fühlst du dich befreiter und schaffst so Platz für Neues. Es wirkt wie eine Frischekur für Geist und Seele.

Probiere es aus, auch wenn es anfangs schwierig scheint, sich von all den Sachen zu trennen.

Du wirst schnell spüren, dass es neben dem vermeintlichen Verlust auch ein schönes Gefühl ist, die Last zu reduzieren, die du auf deinen Schultern trägst. Du kannst alles, was du aussortierst, weiterverkaufen oder verschenken. So tust du ganz nebenbei noch etwas Gutes, schonst die Umwelt und hilfst Menschen, die die Dinge wirklich brauchen.

Wir sind wie kleine Kinder, die leicht zu beeindrucken sind. Die Werbung und die Medien machen sich das zunutze und zielen genau auf unseren Spieltrieb und auf unsere sehnlichsten Wünsche nach Liebe, Glück und Geborgenheit ab. Nur allzu gern folgen wir den bunten Bildern, den heilen Welten und den glücklichen Menschen auf dem Bildschirm, denn jeder von uns ist auf der Suche danach und es scheint, man könne Glück einfach kaufen.

Der Rucksack auf deinem Rücken

Viele Menschen leben daher nach dem Motto, höher, schneller, weiter. Das eigene Glück wird vom Konsum oder vom Erreichen bestimmter Einkommensgrenzen abhängig gemacht. Ist es dann soweit, sind manche Menschen jedoch so sehr an ihre Besitztümer gebunden, dass es ihnen die Luft zum Atmen nimmt. Viele von uns schleppen dermaßen viel mit sich herum, dass sie förmlich nicht mehr von der Stelle kommen. Wie eine Fessel hält es sie fest und lässt sie nicht mehr frei sein, sich nicht mehr bewegen können, körperlich wie auch mental. Sie sind Gefangene ihrer selbst, fühlen sich leer und ausgebrannt, müde und hoffnungslos.  Dabei wollen wir alle nur frei und glücklich sein.

Mit dem Besitz steigt immer auch die Verantwortung und das bedenken viele nicht, weil es ihnen keiner vorher gesagt hat.  Es kostet viel Zeit und Geld, sich darum zu kümmern und alles zu erhalten. Zudem brauchen wir mehr und mehr Platz, um alles irgendwo unter zubekommen. Viele Jahre lang haben wir uns unser Leben Stück für Stück aufgebaut, haben verzichtet und waren fleißig, immer in der Annahme, wir machen alles richtig. Wir haben hart gearbeitet für all das, was wir uns aufgebaut haben. Eigentlich sollten wir an diesem Punkt doch rundherum glücklich sein. Wir haben doch alles, was wir immer wollten.

Wo ist das Glück?

Viele Menschen sind heimlich eben nicht wirklich glücklich. Sich das aber einzugestehen ist nicht leicht. Manchen von uns ist es gar nicht erst bewusst. Sie spüren es in sich nur als ständige Unzufriedenheit. Woran liegt das? Was könnte eine mögliche Ursache dafür sein? Um der Antwort auf die Spur zu kommen können wir uns zwei einfache Frage stellen.

  1. Lebe ich genau das Leben, was ich mir immer gewünscht haben?
  2. Habe ich mir mein Leben genau so aufgebaut, weil ich es immer schon so wollte oder habe ich es gemacht, weil alle es so gemacht haben?

Es braucht Mut, sich diese Frage ehrlich für sich zu beantworten. Denn es kann sein, dass man erkennt, dass die eine oder andere Entscheidung im Leben doch nicht seinen eigenen Wünschen entsprungen ist. Eventuell ist man sogar einem Irrtum aufgesessen, für den man viele Jahre lang hart gearbeitet hat. An diesem Punkt halten viele Menschen fest und bleiben stehen.  Denn die ganze Plagerei soll nicht umsonst gewesen sein. Das würde das bisherige Leben in Frage stellen und das möchten viele schlicht sich selbst und ihren Familien gegenüber nicht zugeben.

Spiegelbilder

Lieber nehmen wir das dumpfes Gefühl von Unzufriedenheit in Kauf, welches schon so lange da ist, dass wir es irgendwann gar nicht mehr wahrnehmen. Dabei wissen wir innerlich ganz genau, wie wir wirklich leben wollen. Denn treffen wir auf Menschen, die ihrerseits ihrem Herzen folgen, spüren wir unseren eigenen Schmerz darüber, dass wir es nicht tun. Denn diese Menschen halten uns einen Spiegel vor das Gesicht.

Die Gefahr besteht, dass dir dein Herz immer wehtun wird, wenn du nicht auf deine wahren Wünsche und Träume hörst.

Um ein Leben zu leben, wie wir es uns wünschen und vorstellen, ist es zuerst wichtig, überhaupt zu wissen, was wir wirklich im Leben wollen. Die meisten machen sich darüber keine Gedanken und schwimmen einfach im großem Strom mit. Da wir alle ganz verschieden sind, müssten unsere Vorstellungen vom Leben theoretisch auch ganz unterschiedlich sein. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die allermeisten von uns auf den ersten Blick ein ähnliches Leben führen. Das bedeutet natürlich nichts Schlechtes. Es ist völlig ok jeden Morgen zur Arbeit zu gehen, am Abend mit seinen Kindern zu spielen, zweimal im Jahr in den Urlaub zu fahren und ab und zu etwas gemeinsam mit Freunden zu unternehmen.

Schau hinter die Kulissen

Jedem von uns sei jedoch die Freiheit gewährt, sein gewähltes Lebensmodell von Zeit zu Zeit anzuschauen und auf Ungereimtheiten zu prüfen, die sich eventuell eingeschlichen haben könnten. Sein Leben auf den Prüfstand zu stellen und zu hinterfragen bringt uns womöglich weiter in unserem Leben, als alles als gegeben und unabänderlich hinzunehmen. Erst ein klarer und ehrlicher Blick auf unser Leben ermöglicht es uns, zu erkennen, ob es genau das ist, was wir uns immer gewünscht haben oder ob wir gern etwas ändern möchten oder ändern müssen.

Was tun, wenn wir feststellen, dass wir uns die eine oder andere Sache vielleicht doch anders vorgestellt haben? Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder ich lasse alles so wie es ist, weil ich damit leben kann und es für mich in Ordnung ist. Oder ich treffe die klare Entscheidung, etwas zu ändern. Dabei kommt es natürlich auch auf die Tragweite einer eventuellen Veränderung an. Entscheide ich nur für mich alleine oder wären Familienmitglieder und das gemeinsame Leben mit betroffen. Hier gilt es, sich zusammen zu setzten, offen miteinander zu reden und gemeinsam Lösungen zu finden.

Schweigen ist keine Lösung

Es ist Niemandem geholfen, wenn jeder still vor sich hin leidet, weil sich niemand traut offen und ehrlich die Dinge anzusprechen. Damit verleugnet man nicht nur sich selbst, sondern belügt sein Gegenüber gleich mit, weil der in der Annahme ist, alles ist gut. Vielleicht wollen wir andere nicht verletzen, vielleicht haben wir Angst davor auf Ablehnung zu stoßen. Vielleicht trauen wir unserer eigenen Courage nicht. Es gibt viele Gründe, warum wir lieber schweigen. Geholfen ist damit jedoch niemandem.

Egal, was es ist. Jeder Mensch entscheidet ganz alleine für sich, wie er sein Leben leben möchte und lebt. Dieser Umstand ist in unserer westlichen Welt ein unschätzbareres Privileg. Es ist ein Geschenk und wir können uns jeden Tag dafür entscheiden, dieses Geschenk anzunehmen.

Ich wünsche dir den Mut, dich selbst und dein Leben beherzt zu hinterfragen. Sei dabei geduldig und liebevoll mit dir. Und wenn du wirklich etwas in deinem Leben ändern willst, dann packe es an, sei entschlossen und konsequent. Denn es wird niemand kommen und dich retten. Das kannst nur du alleine. Sei dir dabei selbst die beste Freundin oder der beste Freund, der dir zur Seite steht. So bist du nie allein und kannst dich immer auf dich verlassen.

Das Leben ist viel zu schön, um ewig halbherzige Kompromisse einzugehen. Jeder von uns hat das Leben verdient, was er sich wünscht.

Liebst du das Leben? Dann vergeude keine Zeit, denn daraus besteht das Leben

Benjamin Franklin

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