Die Macht deiner Gedanken

Einzelne Schneeflocken fallen aus den Wolken und schweben ganz sanft zur Erde nieder. Im Schein der Laternen sieht es aus, als ob sie miteinander tanzen. Eine fliegt direkt auf mich zu und setzt sich auf meine Nase. Es ist noch ganz ruhig draußen. Die Luft ist klar und kalt. Ich bleibe für einige Minuten stehen und schaue den einzelnen Flocken zu. Fasziniert beobachte ich dabei, wie mein Atmen in kleinen Wölkchen hinauf in den Himmel steigt. Ich bin bereits früh auf den Beinen, um mit dem Zug zur Arbeit zu fahren. Immer wieder bleibe ich dabei stehen, um die Minikristalle, die zu tausenden und abertausende aus dem Himmel herunterfallen, zu bewundern. 

Erinnerungen

Wenig später sitze ich in der Bahn und höre meine Lieblingsmusik. Dabei erinnerte ich mich an einen Morgen, der sich fast auf den Tag genau vor einem Jahr ereignet hat. Er ist mir deshalb so sehr in Erinnerung geblieben, weil ich an diesem Tag einen Entschluss gefasst hatte. Ich war unglücklich in meinem Job und wusste nicht, was ich tun sollte. Zu diesem Zeitpunkt war ich voller Selbstzweifel. Ich hatte den Job erst ein paar Monate und wusste nicht, ob es an mir oder an meinem Job lag.

Mit meiner Familie war ich zu diesem Zeitpunkt erst seit eineinhalb Jahren wieder zurück in Berlin. Vorher haben wir fast 5 Jahre in der Schweiz verbracht. Die Firma, für die ich in der Schweiz gearbeitet hatte, hat auch in Deutschland einige Niederlassungen. Glücklicherweise fand ich dort nach unserer Rückkehr sofort einen Job. Doch schon nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass Welten zwischen den Niederlassungen beider Ländern lagen.

Für mich war sehr schnell klar, dass das nicht das Richtige für mich war. Unhaltbare Bedingungen und Zustände, unrealistische Forderungen vom Management und Überstunden im Akkord zwangen jeden Mitarbeiter früher oder später in die Knie. Das hielt ich nicht lange aus und war schon nach 3 Monaten auf der Suche nach einem anderen Job.

Richtungswechsel

Ich hatte früher einmal in einem kleinen Immobilienbüro in Berlin gearbeitet, was mir damals sehr gefallen hat. So etwas hätte ich gerne wieder gemacht. Wie es der Zufall wollte, bekam ich genau zu diesem Zeitpunkt über die Empfehlung eines früheren Arbeitskollegen ein passendes Angebot. Ich wollte nur noch weg von meinem Job und überlegte nicht lange. Ich konnte mein Glück kaum fassen und nahm das Angebot an. Zu dieser Zeit hätte ich alles angenommen, Hauptsache ich konnte endlich die Arbeit wechseln.

Und so saß ich wie jeden Tag in der Bahn auf dem Weg zu meinem neuen Job. Ich liebte es, dabei aus dem Fenster zu schauen und zuzusehen, wie die Welt an mir vorüberzog. Wie gerne wäre ich jetzt da draußen unterwegs. Einfach frei sein, die Welt ansehen, wann, wo und wie lange ich will. Und am besten so weit weg wie nur möglich von meinem neuen aktuellen Job. Ich konnte nicht glauben, dass ich das wirklich dachte.

Falsche Richtung?

Schon seit längerem war mir klar, dass ich auch über diesen Job dringend nachdenken musste. Den hatte ich mir schließlich selber ausgesucht. Erst seit einem Jahr war ich dort. Der Start war sehr anstrengend und holprig. Ich stand wochenlang unter enormen Stress, den ich mir selber gemacht hatte. Ich wollte unbedingt alles richtig machen, jegliche Fehler vermeiden und vor allem niemanden zur Last fallen. Zeitweise war es so schlimm, dass ich nachts nicht mehr schlafen konnte und ich unter extremen Haarausfall gelitten habe. Weil ich so sehr unter Spannung stand machte ich gerade am Anfang viele Fehler.

Von meinem Arbeitsumfeld konnte ich keine Hilfe erwarten. Jeder war nur damit beschäftigt, es dem Chef irgendwie recht zu machen. Geschafft hat es nie jemand, wie ich später herausfand.

Nicht von dieser Welt

Nach und nach bin ich dann doch noch irgendwie in die Aufgaben hineingewachsen. Es hat mich eine Menge Nerven und viele schlaflose Nächte gekostet. Wirklich richtig wohl, angekommen und angenommen habe ich mich nie gefühlt. Ich hatte oft das Gefühl nur geduldet zu sein und nicht dorthin zu gehören. Den Menschen, die dort arbeiteten, waren Dinge wichtig, mit denen ich einfach nichts anfangen konnte. Manchmal fühlte ich mich wie ein Alien auf einem fremden Planeten, so unterschiedlich waren wir.

So oft, wie ich mich weit weg von diesem Job gewünscht habe, konnte er auf Dauer nicht der richtige für mich sein. Lange Zeit habe ich diesen Gedanken weit weg von mir geschoben, denn ich wollte diesen Job damals unbedingt haben. „So schlimm ist es nun auch wieder nicht“, beruhigte ich mich jedes Mal, wenn die Zweifel wieder lauter wurden.  Heute weiß ich wie falsch es war, mich derart unter Druck zu setzten und mich zu belügen. Schon nach kurzer Zeit gab es Anzeichen, dass meine Wahl vielleicht doch nicht die richtige war. Das habe ich natürlich ignoriert, weil ich der Sache unbedingt eine Chance geben wollte.

Alarmstufe 1

„Das ist ganz normal am Anfang“ habe ich mir immer wieder gesagt. „Wenn du neu bist, ist das so, da musst du durch“. Um nicht als Versager vor sich und anderen Menschen dazustehen, nehmen wir manchmal Strapazen auf uns, die uns nicht gut tun. Wenn wir etwas unbedingt wollen, gehen wir auch schon mal mit dem Kopf stur durch die Wand. Wir übergehen dabei einfach unser eingebautes natürliches Alarmsystem, dass uns immer ganz genau sagt, was uns gut tut und was nicht. Unser Herz und unser Bauch geben uns mit unterschiedlichen Gefühlen zu verstehen, ob sich etwas richtig oder falsch anfühlt.

Alarmstufe 2

Ignorieren wir die Zeichen, die wir von unserem Körper bekommen, zu lange, und machen einfach weiter, wird der Druck größer. Auch hier können wir uns auf unseren Körper verlassen. Er will sich und uns vor Schaden schützen und schaltet unser eingebautes Alarmsystem einfach eine Stufe höher. Jetzt schlafen wir noch schlechter als sonst, wir fühlen uns ständig matt und antriebslos. Vielleicht sind wir nur noch gereizt und unsere Nerven liegen blank. Vielleicht können wir uns kaum noch konzentrieren. Die Symptome sind bei jedem anders.

Unser Körper versucht uns darauf aufmerksam zu machen, dass etwas nicht richtig läuft.

Mit dem Kopf durch die Wand

Aber wir Menschen sind zäh und können eine Menge aushalten. So schnell lassen wir uns nicht von unserem Weg abbringen. Auch dann nicht, wenn es bedeutet Opfer zu bringen. Haben wir uns einmal für einen Plan entschieden, dann wollen wir ihn oft unbedingt umsetzten. Unser Ehrgeiz hat uns gepackt, manchmal um jeden Preis.

So ging es mir in den ersten Monaten meines neuen Jobs. Ich habe auch die zweite Stufe meines Alarmsystems bewusst ignoriert. Sehr wohl habe ich gespürt, dass hier was aus dem Ruder läuft. Aber ich wollte es nicht wahr haben. Gründe, oder besser gesagt Ausreden, dafür hatte ich lange genug. Typische Gedanken waren:

  • Du hast gerade erst angefangen, jetzt reiß dich zusammen.
  • Sei doch froh, dass du so schnell einen neuen Job gefunden hast.
  • So schnell findest du nichts anderes
  • Jetzt gibt nicht gleich wieder auf
  • Wie sieht das denn im Lebenslauf aus, wenn du gleich wieder kündigst
  • Eine Kündigung kann ich mir finanziell nicht leisten
  • Du bist nicht gut genug für was anderes
  • Du kannst nichts anderes, jetzt bleib dabei

Alarmstufe 3

Ich wollte mir die Richtigkeit meiner Job Wahl unbedingt beweisen. Es konnte doch nicht sein, dass ich mich gleich zweimal so sehr in meinen Entscheidungen getäuscht haben sollte. Damit habe ich alle Anzeichen, Ängste und Zweifel beiseite gewischt. Die Rechnung hatte ich jedoch ohne meinen Körper gemacht. Der zog nun endgültig die Reißleine und zündete Stufe drei seines Verteidigungsmechanismus, um mich vor möglichen ernsthaften Folgen durch Dauerstress zu schützen. Ich bekam schrecklichen Haarausfall. Das erste Mal in meinem Leben verlor ich massenhaft meine langen blonden Haare. Für mich als Frau war es die reinste Katastrophe.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie erschrocken ich war, als ich plötzlich doppelt so viele Haare in meiner Bürste fand wie bisher. Vor jedem Haare waschen hatte ich erst Angst, später regelrechte Panik, weil dabei immer besonders viele Haare verloren gingen. Das Ganze ging so weit, dass mich unsere Putzfrau im Büro ansprach, ob ich Haarausfall hätte. Sie fand meine Haare überall verstreut im Büro. Mir war das unendlich peinlich.

Ich habe nicht verstanden, was mit mir passierte. Mir war damals nicht klar, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen meiner beruflichen Situation und dem Haarausfall gab. Mein Körper hat mir auf diese Art gezeigt, dass etwas nicht stimmt und ich dringend etwas ändern sollte.

Totale Verzweiflung

Ich war total verzweifelt und habe viel geweint in dieser Zeit. Ich konnte einfach nicht glauben, dass mir sowas passierte. Nur meinem Mann konnte ich mich anvertrauen, sonst wusste niemand davon. Ich habe mich zu sehr geschämt dafür. Der Haarausfall wurde immer schlimmer und hörte einfach nicht mehr auf. Wochenlang ging das so. Irgendwann bin ich zum Arzt gegangen, weil ich Angst hatte, dass mir auf Dauer alle Haare ausgehen. Dort wurde mir Blut abgenommen, in dem nichts gefunden wurde, was die Ursache hätte sein können. Es stand recht schnell fest, dass es nervlich bedingt sein müsste. Ein starkes Hormonpräparat sollte den Verlust der Haare fürs erste stoppen.

Instinktiv habe ich diese Medikament jedoch abgelehnt, weil ich geahnt habe, dass es nicht gut für mich sein kann, meine Symptome mit einem Chemie-Cocktail zu bekämpfen. Der Apotheker bestätigte mir, dass es zu erheblichen Nebenwirkungen kommen und den empfindlichen Hormonhaushalt durcheinanderbringen kann. Das wollte ich auf gar keine Fall. Es musste anders gehen. Ich musste eine andere Lösung finden. Und zwar schnell. Ich wurde immer verzweifelter.

Kapitulation

Irgendwann war ich so müde, kaputt und ausgebrannt vom Kampf um diesen Job und gegen mich selbst, dass ich innerlich aufgab. Ich wollte einfach nicht mehr kämpfen. Es war mir egal, ob ich gut genug für diesen Job war. Es war mir egal, ob ich alles richtig machte oder nicht. Es war mir egal, ob ich diesen Job behielt oder nicht. Mir war der ganze Job einfach nur noch egal. Ich hatte nichts mehr zu verlieren und lies den Job in Gedanken los.

Von diesem Zeitpunkt an spürte ich förmlich, wie sich ein Schalter in meinem Kopf umlegte und damit in meinem ganzen Körper. Alle Anspannung fiel in den nächsten Tagen von mir ab. Ich wurde ruhiger und selbstsicherer. Die Aufgaben fielen mir mit jedem Tag ein bisschen leichter. Meine Fehlerquote sank. Und endlich ging mein Haarausfall nach 12 Wochen langsam wieder zurück. Nach dem Reset meiner Gedanken dauert es nur zwei Wochen bis er fast vollständig gestoppt war. Ich konnte es fast nicht glauben. Im Prinzip habe ich diesem Horror nur durch meine Gedanken ein Ende gesetzt. Keine Medikamente, keine Therapien, nichts. Nur meine Einstellung und ein Satz neuer Gedanken in meinem Kopf haben mich gerettet.

Neuanfang

Nachdem es mir wieder besser ging war ich einfach nur froh, dass alles halbwegs überstanden war. Ich ging zum Friseur und lies mir eine Frisur schneiden, bei der alle verlorenen Haare wieder wachsen konnten. Den Job hatte ich jedoch weiterhin. Ich verlor zwar keine Haare mehr, wusste aber jetzt genau, dass ich etwas ändern musste. Mir den Job schön zu reden, damit ich ihn behalten konnte war nur ein fauler Kompromiss.

Ich mochte mir nicht länger etwas vormachen, dass alles halb so wild war. Denn das war es für mich sehr wohl. Es fühlte sich einfach nicht mehr richtig an. Noch mehr als 20 Jahre reguläre Arbeitszeit lagen vor mir. Schon der Gedanke daran, diese lange Zeit in diesem Job zu bleiben lies mich schaudern. Auf gar keinen Fall wollte ich das. Warum also länger warten? Die Entscheidung war damit getroffen, jetzt muss ich nur noch handeln.

Ich nahm allen Mut zusammen und fing an, einen anderen Job zu suchen, der besser zu mir passte. Dabei schaute ich diesmal sehr genau hin und wollte mich nur entscheiden, wenn es sich wirklich stimmig für mich anfühlte. Auf keinen Fall wollte ich noch eine zu vorschnelle Entscheidung treffen.

Ein halbes Leben lang

Viele von uns verbringen die meiste Zeit des Tages im Job. Wenn wir bedenken, dass wir im Durchschnitt ca. 45 Jahre arbeiten, sollten wir uns nicht zufrieden geben mit etwas, das „schon irgendwie geht“. Das dürfen wir uns und auch dem Job nicht antun. Vielleicht gibt es da draußen jemanden, der für unseren Job viel besser geeignet ist als wir und voll und ganz darin aufgehen würde. Und vielleicht sind wir viel besser geeignet für einen Job, der gerade noch von jemandem ausgeführt wird, der jedoch totunglücklich darin ist.

Das finden wir nur heraus, wenn wir uns trauen, unsere gewohnten Gefilde zu verlassen, um zu schauen, was möglich wäre. Wir dürfen uns ehrlich fragen, ob wir glücklich sind mit dem was wir tun oder ob wir es nur tun, weil wir müssen und keine anderen Optionen haben. Dann haben wir die Chance unseren Job gerne und mit Freuden zu machen.

Überglücklich

Insgesamt eineinhalb Jahre habe ich im letzten Job ausgehalten, der mich viele Nerven und unzählige Haare gekostet hat. Nach einigen erfolglosen Bewerbungen habe ich endlich einen neuen Job gefunden, in dem ich mich wirklich wohl fühle. Wir sind ein gutes Team, indem man einander hilft. Fehler sind zum Lernen da und werden nicht als Todsünde angesehen. Wir kommunizieren alle in Augenhöhe miteinander, egal welche Position jemand hat.

Natürlich gibt es auch hier und da Meinungsverschiedenheiten. Diese werden fair und sachlich diskutiert. Die Arbeitszeiten sind so flexibel, dass ich sogar wieder Zeit fürs Leben neben meinem Job habe. Nach zwei missglückten Anläufen ist der dritte ein Volltreffer. Seit 4 Monaten bin ich jetzt dort und ich habe noch immer ein sehr gutes Gefühl dabei.

Ich bin unendlich froh, dass ich diesen Schritt, trotz zweier missglückter Versuche, gewagt und nicht aufgegeben habe. Sonst hätte ich diesen Job, in dem ich heute so gerne bin, nicht gefunden.

Einen Versuch ist es immer Wert. Niemand ist verdammt dazu in einem Umfeld zu bleiben, in dem er unglücklich ist. Wir selbst haben es in der Hand. Kein anderer nimmt uns das ab. Wir bestimmen ganz allein über uns und unser Leben. Nur wir selbst können für uns Entscheidungen treffen, auch wenn der Weg dadurch vielleicht länger wird. Aber so bekommen wir die Chance, herauszufinden was uns gut tut und uns glücklich macht.

Wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten.

Konfuzius

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