Gespräch mit einer Unbekannten

Zuweilen treffen wir im Leben auf Menschen, mit denen wir uns auf sonderbare Weise verbunden fühlen, obwohl wir sie noch nie im Leben gesehen haben. Manchmal entwickelt sich daraus eine Freundschaft. Manchmal bleibt es bei einer einzigen schönen Begegnung. Wir sehen uns unverhofft mit einem Menschen konfrontiert, mit dem wir augenscheinlich nichts gemeinsam haben, weil wir ihn nicht kennen und er uns eigentlich fremd ist. Manchmal jedoch passiert etwas ganz Besonderes und wir fühlen uns mit diesem Menschen schon nach ein paar wenigen Worten auf wundersame Weise verbunden.  

Ein Geschenk

Solche Ereignisse gibt es nicht oft. Sie sind daher ein kostbares Geschenk in unserer schnellen und anonymen Welt. Zwei Menschen, die sich nicht kennen, sich austauschen, einander zuhören und sich gegenseitig ihre Zeit schenken. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich.

Von so einer wunderbaren Begegnung möchte ich erzählen. Ich hatte das große Glück auf einen dieser seltenen Mensch zu treffen.

Alles fing mit einem Anruf von Frau Stein (Name geändert) an, die sich bei uns nach einer Sterbegeldversicherung erkundigen wollte. Dazu sei kurz erwähnt, dass ich in einem Verband arbeite, bei dem unsere Mitglieder die Möglichkeit haben, zu Sonderkonditionen Angebote in Anspruch nehmen zu können. In diesem Fall auch Versicherungen.

Der Anruf

Ich war alleine im Büro, nahm den Anruf an und hörte mir ihr Anliegen an. Zuerst wollte sie wissen, ob das auch alles seriös sei, denn sie wäre schon einmal bei einer Versicherung hereingefallen. Leicht genervt entgegnete ich ihr, dass das natürlich alles seriös ist, sonst würden wir es ja nicht anbieten. Das konnte die Arme ja nicht wissen und ihre Frage war vollkommen berechtigt.

Sie erklärte mir, dass sie 85 Jahre alt sei und sich nicht vorstellen könne, dass man sie noch bei so einer Versicherung aufnehmen würde. Ich war etwas verblüfft, denn ihre Stimme klang nicht wie die einer 85-jährigen. Ich erklärte ihr, dass ich die Frage nicht beantworten kann und sie gern mit der Versicherungsabteilung direkt verbinden werde. Sie schrieb sich noch die Telefonnummer auf, falls es nicht klappen sollte und ich versuchte sie zu verbinden.

Die Reise beginnt

Nach mehrmaligem vergeblichen Klingeln nahm ich Frau Stein wieder zurück zu mir in die Leitung. Das war der Beginn einer wunderschönen langen Unterhaltung. Ich hatte an diesem Freitag nicht so viel zu tun und lies mich gern auf dieses Gespräch ein.

Sie erzählte mir, dass ihr Mann vor 10 Jahren verstorben ist und dass sie jetzt in NWR in einer Seniorenresidenz lebt. Ihr Mann war das ganze Leben lang bei der Bundeswehr, was viele Umzüge und Neuanfänge für die Familie bedeutete. Daher hat sie nie richtig irgendwo Wurzeln schlagen können und sich nirgendwo wirklich heimisch gefühlt. Ihre Tochter ist in ihren 60 ern und noch voll berufstätig, weshalb sie wenig Zeit für ihre Mutter hat.

Erste Parallelen

Wir sind ganz allmählich ins Erzählen gekommen, ohne zu merken wie die Zeit dabei vergeht. Interessant wurde es als Frau Stein erzählte, dass sie in Leipzig geboren ist. Das war der erste gemeinsame Punkt, den wir hatten. Meine Mama wurde in Dresden und ich bin in Zittau geboren. Frau Stein ist eine Zeitzeugin der damaligen Zeit. Sie hat als Kind noch den Krieg miterlebt. Erzählungen aus dieser Zeit sind so außerordentlich interessant und gleichzeitig erschütternd, wie unfassbar. Nicht im Ansatz kann ich mir vorstellen, wie es wohl zu dieser Zeit gewesen sein mag.

Sie erzählte von der Not, die damals überall gegenwärtig war und wie die Menschen damit umgegangen sind. Es gab immer eine Lösung, nichts war unmöglich. Für die Menschen war es völlig normal, im Mangel zu leben und trotzdem das Beste daraus zu machen. Wenn heute das Klopapier aufgrund eines gerade weltweit grassierenden neuartigen Virus in einigen Läden ausverkauft ist, werden viele Menschen unruhig und wissen nicht, was zu tun ist, wenn es so bleiben sollte.

Das Klopapier ist alle

Frau Stein erzählte, dass die Menschen so ein Problem damals ganz praktisch angegangen sind. Es wurde einfach Zeitungspapier in passende Stücke geschnitten und das Problem war behoben. Diese Art der Lösung war mir bestens bekannt. Als ich noch ganz klein war, gab es in den damaligen Altbauten nur sogenannte Plumpsklos ohne Wasserspülung auf den Zwischenetagen im Hausflur. Mir war dieser Ort immer ein Greul, weil es dort immer so viele Fliegen gab, vor denen ich Angst hatte. Wenn wir kein Klopapier hatten schnitt mein Vater immer einen Stapel zurecht für die ganze Familie und gut war. Das erzählte ich Frau Stein, was sie äußerst amüsant fand, das ich das auch noch kenne.

Neue Kleider

Frau Stein hatte eine Nähmaschine mit dem sie sich als junge Frau selbst ihre Kleider nähte. Sie erzählte von einem wunderschönen blauen Kleid, auf das sie sehr stolz war und das ihr Mann an ihr so geliebt hatte. Ich erzählte ihr, dass meine Mama auch lange Jahre eine Nähmaschine hatte, auf der sie viel für uns genähte, als wir noch Kinder waren. Ich mochte die Nähmaschine immer sehr. Es war eine schöne alte Nähmaschine aus dunklem Holz, noch mit Trittbrett und Lederriemen an einem großen Schwungrad, in dem man sich auch schon mal die Finger böse einklemmen konnte.

Heute werden Kleider einfach weggeworfen und billig nachgekauft, wenn sie nicht mehr perfekt sind. Niemand macht sich mehr die Mühe, heute noch etwas zu reparieren. Der Überfluss macht es unnötig. Frau Stein sagte, dass sie noch immer Kleidungsstücke besitzt, die mindesten 40 Jahre alt sind und die sie sich, im Laufe der Zeit, immer wieder umgeändert hat. Damals wurde noch auf Qualität geachtet. Heutzutage ist alles auf schnellen Konsum ausgelegt, bei dem Qualität keinen Platz mehr hat.

Neue alte Kleider

Deshalb liebe ich Secondhand Läden. Ich mag die Vorstellung, dass jedes Kleidungsstück eine Geschichte hat und nun ein zweites Leben geschenkt bekommt. Früher ging Frau Stein auch gerne in Secondhand Läden einkaufen. Leider gibt es in ihrer näheren Umgebung keine mehr.

In der Zwischenzeit war bereits eine halbe Stunde vergangen und wir waren so richtig in Fahrt. Unser Gespräch lief wie von selbst, es passte einfach so gut. Wir verstanden uns hervorragend, obwohl uns Welten und Distanzen trennten.

Etwas Nostalgie bitte

Frau Stein erzählte von ihrem Vater, der 14 Geschwister hatte und von seiner Mutter, die künstlerisch begabt war, sehr zart aber eine sehr starke Frau gewesen sein musste. Wie haben die Menschen das damals nur gemacht mit so vielen Kindern? Sie erzählte von ihrer Zeit bei der Lufthansa, bei der sie in einem Großraumbüro mit Lochkarten und Schreibmaschine gearbeitet hatte. Wir hatten damals auch eine mechanische Schreibmaschine, mit der meine Mama immer alle Briefe und später sogar noch Bewerbungen geschrieben hat. Man brauchte immer etwas Glück zum Ende hin, damit man sich ja nicht auf den letzten Metern vertippt und alles nochmal neu tippen musste. 20 Jahre später hatte sich die gesamte Technik bereits völlig geändert.

Wir sprachen darüber, dass die meisten Menschen heutzutage zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind und ihnen gar nicht bewusst ist, in welch privilegierter Welt sie eigentlich leben. Sie reiben sich zwischen Job und Familie auf, stehen unter Dauerstress, lassen sich den ganzen Tag von negativen Nachrichten beschallen und werden nicht selten auch noch krank davon. Das Leben vergessen sie dabei vollkommen.

Andere Zeiten

Frau Stein meint, dass das früher nicht so war, obwohl die Zeiten wesentlicher härter waren als heute. Weder standen die Menschen unter Dauerstress noch waren sie ständig krank vor Sorge. Es gab damals ein Radio mit einem Sender, um das sich die Familie zu bestimmten Zeiten versammelt hat, um Nachrichten zu hören. Damit war man ausreichend mit Informationen versorgt und das Leben ging gewohnt weiter.

Auch ich kann mich als Kind daran erinnern, dass es nur zwei Fernsehsender (schwarz/weiß) gab. Die Auswahl war schnell getroffen und kein stundenlanges gezappe notwendig. Fernsehen gab es nur am Abend, um den Sandmann zu sehen und manchmal am Wochenende. Wir waren so gut wie immer draußen nach der Schule. Im Sommer sind wir auf Kirschbäumen in unserem Garten herumgeklettert und haben uns mit Kirschen vollgestopft. Im Winter waren wir stundenlang mit Freunden im Schnee Schlitten fahren und sind erst am Abend, wenn es dunkel wurde, wieder nach Hause gegangen.

Moderne Zeiten

Egal welchen Radio- oder Fernsehsender man heutzutage einschaltet, überall schreien den Menschen Krieg, Mord, Totschlag, Gewalt und Umweltkatastrophen entgegen. Kein Wunder, dass die Menschen immer ängstlicher werden und der Eindruck entsteht, die Welt ist ein gefährlicher Ort, der nicht mehr zu retten sei.

Ich habe Frau Stein erzählt, dass ich schon lange keine Nachrichten mehr anschaue und seitdem wesentlich ruhiger lebe. Die wirklich wichtigen Nachrichten bekommt man auch ohne Medien mit. Zudem hat man Zeit all die positiven Nachrichten anzuschauen, die es auch überall auf der Welt gibt, über die nur die Medien nicht berichten. Aber es gibt sie und du wirst erstaunt sein, wie viele hoffnungsvolle, schöne und mutmachende Dinge jeden Tag in unserer Welt passieren, wenn du ein bisschen danach suchst. Hier ist ein schönes Beispiel für dich.

Meine liebe Frau Stein, wurde mir mit jeder Minute sympatischer. Selten empfinde ich jemanden nach so kurzer Zeit so liebenswert wie diese Frau. Wir stellten beide fest, dass wir noch ewig miteinander reden könnten. Zwischendurch fragte sie immer wieder besorgt, ob sie nicht meine Zeit stehle. Ich verneinte jedes Mal, denn es war mir wirklich eine Freude mit ihr zu sprechen.

Es ist so selten auf einen Mensch zu treffen, mit dem man mehr als nur die üblichen oberflächlichen Gespräche führt, obwohl man sich nicht kennt.

Wir hatten in der Zwischenzeit bereits versucht unser Gespräch mehrmals zu beenden, aber es klappte nicht so richtig, weil wir immer wieder auf neue Themen gestoßen sind.

Die Zeitverschenkerin

Zum Schluss erzählte sie mir noch, dass sie die viele Zeit, die sie nun hat, gern an Menschen verschenkt, die zu wenig davon haben. Sie lässt oft alle Menschen, die es eilig an der Supermarktkasse haben, vor und gibt ihnen damit etwas von ihrer Zeit. Für sie fühlt es sich wie ein kleines Geschenk an die Menschen an. Diese kleine Geschichte fand ich ganz besonders bezaubernd.

Irgendwann mussten wir uns dann doch voneinander verabschieden, was wirklich sehr schade war. Ich habe mich für das wunderbare Gespräch bei ihr bedankt und die Zeit, die sie mir geschenkt hat. Im Gegenzug erklärte sie mir, dass sie mir viel mehr zu danken hätte, weil ich ihr mit unserem schönen langen Telefonat den Tag versüßt habe und ihr das sehr viel bedeutet.

Sie hat mir alles Gute gewünscht und mich gebeten, unbekannterweise Grüße an meine Familie auszurichten, da wir geografisch die gleichen Wurzeln haben. Ich finde, herzlicher und liebevoller kann ein Mensch nicht sein.

Herzlichen Dank

Liebe Frau Stein, es war mir eine außerordentliche Freude mit ihnen diese interessante, wunderbare und besondere Unterhaltung geführt zu haben. Ich wünsche Ihnen nur das Beste und hätte sie gern näher kennen gelernt. Sie sind der lebende Beweis dafür, dass man sich trotz schwerer Zeiten eine positive und humorvolle Lebenseinstellung bewahren kann. Haben sie eine fabelhafte Zeit. Sie können sicher sein, dass mir unsere Unterhaltung noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Für ein gutes Gespräch sind die Pausen genauso wichtig wie die Worte.


Heimito von Doderer

1 Kommentar

  1. Was für eine wunderschöne Begegnung und Geschichte. Ich habe den gesamten Beitrag ein Lächeln auf den Lippen gehabt und mich selbst an so vieles erinnern dürfen.

    Auch ich schaue keine Nachrichten mehr und verbanne, mehr und mehr, die Dinge aus meinem Leben, die meine Zeit stehlen und mich stressen. Damit geht es mir so viel besser und ich merke, das Leben ist schön & die Welt gut!

    Danke fürs Teilen.
    farina

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